Vom 2.–6. April 2026 stehen wie jedes Jahr die traditionellen Ostermärsche der Friedensbewegung an. Wie wichtig eine Stärkung dieser Bewegung ist, wird angesichts der Zuspitzung internationaler Konflikte immer stärker für jeden von uns in allen Lebensbereichen spürbar. Kaum eine Rede größerer deutscher Politiker liest sich ohne einen Satz wie: Wir müssen (in Europa) mehr Verantwortung übernehmen!
Was mit dieser Verantwortung gemeint ist, versteckt sich dann meistens hinter dem Wort Sicherheit, über dessen Bedeutung wir vor einiger Zeit bereits einen längeren Artikel veröffentlicht haben. Was folgt sind die gewohnten Appelle, die wir spätestens seit der 2022 von Olaf Scholz ausgerufenen Zeitenwende alle kennen. Wir müssten uns wappnen gegen einen potenziellen Angriff Russlands auf EU, NATO oder sogar deutsches Staatsgebiet. Wir müssten soziale Forderungen, demokratische Rechte oder lebenswürdige Arbeitsbedingungen hintenanstellen, ganz im Interesse der Aufrüstung. Nicht zuletzt müssten wir uns schon mal darauf einstellen, potenziell unser eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um die personellen Voraussetzungen für zukünftige Kriege zu schaffen.
Was ist der Ostermarsch?
Die Ostermärsche entstanden Ende der 1950er Jahre in Großbritannien aus dem Protest gegen Atomwaffen, maßgeblich initiiert von der Campaign for Nuclear Disarmament.
Der erste große Marsch führte von London zum Atomforschungszentrum im nahegelegenen Aldermaston und fand über die Osterfeiertage statt.
Ostern bot organisatorische Vorteile durch mehrere freie Tage am Stück, außerdem stand das Fest symbolisch für Hoffnung und Neubeginn was die, auch von den Kirchen mitgetragene Friedensbewegung zur breiteren Mobilisierung nutzte.
1960 wurde die Aktionsform in die Bundesrepublik übernommen und entwickelte sich in den 1960er bis 1980er Jahren zu einem zentralen Ausdruck der Friedensbewegung gegen atomare Aufrüstung. Kirchliche Gruppen, Gewerkschaften, Vereine, Jugendverbände, Intellektuelle und weitere Akteure der Zivilgesellschaft beteiligten sich gleichermaßen, wodurch die Ostermärsche zeitweise eine breite gesellschaftliche Massenmobilisierung erreichten.Bis heute finden Ostermärsche jährlich statt und greifen jeweils aktuelle Fragen rund um Krieg und Frieden auf.
Deutschland und die EU auf Aufrüstungskurs
Wie offenkundig fadenscheinig die Behauptung ist, bei der Aufrüstung handle es sich um einen rein defensiven Akt gegenüber einer russischen Bedrohung, sprach Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Eröffnungsrede auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz (Siko) selbst aus: „Das Bruttoinlandsprodukt Russlands beläuft sich zurzeit auf etwa zwei Billionen Euro. Das der Europäischen Union ist fast zehnmal so hoch. Und doch ist Europa heute nicht zehnmal so stark wie Russland.“ Um sich zu „verteidigen“, braucht man also ein zehnmal so starkes Militär wie der potenzielle „Angreifer“? Mit dieser Aussage offenbart Merz selbst, was bereits ein flüchtiger Blick auf die militärischen Kennzahlen nahelegt: Bei der Aufrüstung geht es nicht darum, ein mit Russland vergleichbar starkes Militär aufzubauen, denn dieses ist innerhalb der europäischen NATO-Staaten konventionell längst übertroffen. Vielmehr geht es darum, eine militärische Stärke zu entwickeln, die Russland deutlich in den Schatten stellt und die EU in eine Liga mit den Großmächten USA und China hebt.
Auch die Frage nach einer „europäischen nuklearen Abschreckung“ rückte Merz im Vorfeld der Sicherheitskonferenz wieder in den Fokus. Er habe zu diesem Thema erste Gespräche mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron aufgenommen, ein weiterer Schritt in Richtung einer militärischen Großmacht EU.
War man vor gut einem Jahr auf der damaligen Sicherheitskonferenz noch mehrheitlich schockiert über die Worte des US-Vizepräsidenten JD Vance, der die EU stark kritisierte und klar machte, die USA werden künftig weniger auf transatlantische Bündnisse setzen, so hat man sich inzwischen offenbar neu sortiert und eine vorsichtige Antwort formuliert. Diese ließe sich etwa so zusammenfassen:
Wir wissen, dass wir aktuell nicht ohne euch auskommen, aber wir werden alles daransetzen, diese militärische Abhängigkeit so schnell es geht zu verringern. Mit anderen Worten: Die Phase umfassender Aufrüstung beginnt gerade erst richtig.
Die Folgen für den Frieden
Die Behauptung, diese Vorhaben würden zur Sicherheit der Menschen in Europa beitragen, ist nicht nur falsch – sie führen vielmehr zum Gegenteil. Ein militärisch massiv aufgerüstetes Deutschland an der Spitze einer hochgerüsteten EU verschärft die internationale Konkurrenz weiter und erhöht damit die weltweite Kriegsgefahr. Dass die europäischen Staaten, allen voran ihre wirtschaftlich stärksten Vertreter Deutschland und Frankreich, bereit sind, alles, was in ihren materiellen Möglichkeiten liegt, zu tun, um auf der Welt imperialistische Machtpolitik im Interesse ihrer herrschenden Klasse zu betreiben, haben sie allein in den letzten 30 Jahren mehr als bewiesen.
Ob durch die Behinderungen der Friedensgespräche im Rahmen des Ukrainekrieges, ihrer unzähligen kleineren Imperialkriege auf dem afrikanischen Kontinent oder ihrer militärischen Unterstützung westlicher Kriege in Irak, Afghanistan und nicht zuletzt auch des genozidalen Krieges gegen das palästinensische Volk.
Die Vorstellung diese Staaten würden zusätzlich noch über ein Vielfaches mehr an militärischen Möglichkeiten verfügen, um ihre Politik noch aggressiver auf der Welt durchsetzen zu können, sollte einem klar werden lassen, vor welcher Bedrohung wir aktuell stehen.
Unsere Aufgabe: diese Politik entlarven
Angesichts dieser Situation müssen wir es als unsere zentrale Aufgabe verstehen, die Aufrüstung Deutschlands und der EU überall, wo wir uns befinden, zu entlarven und als politisches Projekt zu benennen, das den strategischen und ökonomischen Interessen der deutschen Herrschenden Klasse auf unseren Kosten dient.
Außerdem müssen wir die Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen durch die aktuelle Bundesregierung mit ihren Aufrüstungsprojekten in Verbindung bringen. Niemand wird sich vor den Folgen dieser immer weiteren Aufrüstung verstecken können. Ob es die Kürzungen im Sozialstaat sind, die mit immer stärkerem Tempo voranschreiten, ob es die Angriffe auf unsere Arbeitsrechte sind, die mit der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands begründet werden, ob es unsere Kinder, Enkel, Brüder, Freunde oder Mitschüler sind, die bald zur Musterung gezwungen werden – all das geht jeden von uns etwas an, und mit diesem Wissen müssen wir die Friedensbewegung stärken.
Beispiele wie die Ende Januar veröffentlichte Erklärung der IG Metall Vertrauenskörper der Ford-Werke in Köln unter dem Titel „Nein zur Kriegswirtschaft – Wir geben unsere Kinder nicht für Kriege!“ müssen wir vermehren. Gerade innerhalb der Betriebe und Gewerkschaften müssen wir durch Erklärungen, gemeinsame Aufrufe, Informationsveranstaltungen und die damit einhergehenden Diskussionen mit den Kollegen die Frage nach Frieden zu der existenziellen Frage machen, die sie tatsächlich ist. Wer ein Interesse an guten Arbeits- und Lebensbedingungen hat, der muss auch ein Interesse daran haben, sich gegen den aktuellen Kriegskurs der Bundesregierung zu stellen.
Darüber hinaus sollten wir uns dafür einsetzen, die Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht mit der traditionellen Friedensbewegung zusammenzuführen, um sie zu verbreitern und zugleich zu verjüngen. Das kann bedeuten, den Ostermarsch in die Streikkomitees gegen die Wehrpflicht hineinzutragen. Denn wer der Wehrpflicht ernsthaft etwas entgegensetzen will, muss die Aufrüstung als Ganzes kritisieren. Es kann ebenso bedeuten, den Ostermarsch in Bündnisse, wie zum Beispiel gegen Kürzungen an Universitäten, einzubringen, denn den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Kürzungspolitik deutlich zu machen, erhöht in beiden Feldern die politische Schlagkraft. So wie die herrschende Klasse uns die Aufrüstung in jeden unserer Lebensbereiche aufzwingt, so müssen wir es schaffen in jedem dieser Lebensbereiche eine entsprechende Antwort zu formulieren.
Heraus zum Ostermarsch 2026!
Lasst uns den diesjährigen Ostermarsch als Anlass nehmen, im Betrieb, in der Uni, in der Schule und überall sonst wo wir uns befinden, die Folgen der aktuellen Kriegspolitik zu benennen und den Finger in die Wunde zu legen. Diese Politik wird nicht nur nicht für uns gemacht, sie steht in direktem Widerspruch zu unseren Interessen!




