Tarifrunden 2026: Wer zahlt die Krise – Kapital oder Beschäftigte?

2026 wird für rund 10 Millionen Beschäftigte ein entscheidendes Jahr. In nahezu allen großen Branchen laufen Tarifverträge aus und werden neu verhandelt. Trotz erschwerter Bedingungen gehen die Gewerkschaften mit dem Anspruch in die Verhandlungen, zumindest einen weiteren Verlust der Kaufkraft zu verhindern – in einzelnen Fällen sogar Reallohnsteigerungen durchzusetzen.
Während Ver.di und die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) mit konkreten Forderungen auftreten, verzichtet die IG BCE bislang auf klare Zahlen. Das ist kein technisches Detail, sondern eine politische Entscheidung – mit absehbaren Folgen für den Verlauf und das Ergebnis der Tarifrunde.

GdL: Gegenwehr gegen Reallohnverluste angekündigt

Die GdL ist am 8. Januar in die Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn eingetreten – mit 40 konkreten Forderungen. Die zentrale Botschaft ist klar: Die massiven Reallohnverluste der letzten Jahre werden nicht hingenommen! Zwischen 2022 und 2023 seien die Reallöhne um 13 Prozent eingebrochen, so die GdL. Die Forderung nach insgesamt 8 Prozent Lohnerhöhung ist daher kein „Maximalismus“, sondern der Versuch, „diese Lücke zu schließen“.
Der neue Vorsitzende der GdL, Mario Reiß, erklärte vor dem ersten Verhandlungstermin: „Wir wollen zu einem Ergebnis kommen, ohne streiken zu müssen. Aber das hängt nicht allein von uns ab.“

IG BCE: Verhandeln ohne Forderungen – ein bekanntes Risiko!

Das erklärte Ziel der IG BCE ist ein schneller Abschluss. Doch genau hier liegt das Problem: Die Gewerkschaft verzichtet bislang auf konkrete Lohnforderungen und begnügt sich mit allgemeinen Formeln wie „Stärkung der Kaufkraft“ und „tarifliche Instrumente zur Sicherung der Beschäftigung nutzen“.
Die Erfahrung zeigt, wohin das führt. Im Stahlsektor bedeutete ein solcher Kurs letztes Jahr im Oktober bis Dezember konkret Reallohnverzicht und anschließend einen Abschluss mit 1,75 % unterhalb der Inflationsrate von 2,3 %. Für die Beschäftigten war das Ergebnis klar: weiterer Kaufkraftverlust – trotz angeblicher „Standortsicherung“, denn vielerorts sind Kündigungsdrohungen weiterhin nicht vom Tisch.

Gaststätten und Handel weiterhin schwach

Die Gewerkschaft NGG, die Beschäftigte in der Ernährungs- und Gastronomiebranche organisiert, wird im Jahr 2026 in sechs Tarifgruppen in verschiedenen Bundesländern verhandeln. Der Vorstand der NGG hat den Tarifkommissionen empfohlen, Lohnerhöhungen zwischen 4 und 6 Prozent zu fordern.
Im Einzel- und Großhandel, in dem bundesweit mehr als 3,5 Millionen Beschäftigte arbeiten, steht Ver.di vor besonderen Herausforderungen. Diese Branchen zählen seit Jahren zu jenen Bereichen, in denen es der Gewerkschaft schwerfällt, gute Tarifergebnisse durchzusetzen. Es wäre daher keine Überraschung, wenn sich die in den Monaten März bis Juni in verschiedenen Bundesländern beginnenden Tarifverhandlungen – wie in den vergangenen Jahren – erneut über viele Monate hinziehen.

IG-Metall: Verzicht wegen Standort?

Die Tarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie laufen Ende Oktober 2026 aus. Die Führung der IG Metall hat in verschiedenen Regionen bereits die Tarifkommissionen einberufen und prüft derzeit, ob – ähnlich wie im Stahlsektor – ohne konkrete Forderungen in die Verhandlungen gegangen werden soll. Dabei versucht die Gewerkschaftsführung, die Erwartungen der Kommissionsmitglieder durch Verweise auf die schlechte wirtschaftliche Lage, rückläufige Exporte sowie sinkende Auftragszahlen in der Automobil- und Maschinenbauindustrie zu dämpfen. Ob diese Strategie aufgeht, bleibt abzuwart

Gewinne sind sicher – Arbeitsplätze nicht

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind schwierig, daran besteht kein Zweifel. Konzerne nutzen die Situation, um Entlassungen, Standortschließungen und Produktionsverlagerungen durchzusetzen. Besonders betroffen sind die Schlüsselindustrien Automobil, Maschinenbau, Stahl und Chemie. 
Ob VW, Bosch, MAN oder ZF: Überall werden bestehende Vereinbarungen aufgekündigt, zehntausende Arbeitsplätze abgebaut und Löhne faktisch gesenkt. Bei Volkswagen wurde sogar ein Tarifpaket vereinbart, das Entlassungen von 35.000 Kolleginnen und Kollegen, Lohnkürzungen und jahrelange Nullrunden kombiniert – trotz Milliardenumsätzen.
Nicht vergessen werden darf, dass in den vergangenen Jahren von der IG Metall und der IG BCE abgeschlossene Tarifverträge den Unternehmen weitreichende Garantien zur Absicherung ihrer Gewinnmargen eingeräumt haben. So wurde in mehreren Verträgen vereinbart, dass bestimmte tarifliche Zahlungen ausgesetzt werden können, sobald die Gewinnmarge unter 2,3 Prozent fäll

Ohne Kampf keine Reallohnsicherung

Die letzten Jahre haben gezeigt: Zugeständnisse sichern weder Arbeitsplätze noch Einkommen. Dennoch wird den Beschäftigten erneut eingeredet, sie müssten „Verantwortung für den Standort“ übernehmen. In Wahrheit geht es darum, Profite zu schützen.
Reallohnsteigerungen, Beschäftigungssicherung und soziale Rechte werden nicht durch Zurückhaltung erreicht, sondern nur durch organisierte Gegenwehr. Die Tarifrunden 2026 werden deshalb auch eine Frage des Kräfteverhältnisses sein: Vertrauen die Beschäftigten auf die eigene Stärke – oder zahlen sie erneut die Krise?

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