Was ist die weibliche Natur, Clara Zetkin?

Ein Blick auf Zetkins Schriften vor über 130 Jahren beantwortet auch Fragen von heute.

Sind die traditionellen Geschlechterrollen naturgegeben, wie Konservative es darstellen, oder ist Geschlecht nicht vielleicht doch eine reine Gefühlsangelegenheit, wie liberale Ansätze versprechen? Ein Blick auf die Schriften von Clara Zetkin zeigt einen anderen Weg, Geschlechterrollen zu bekämpfen.

Auch wenn traditionelle Rollenbilder heute mit dem Erstarken rechter Parteien wieder auf dem Vormarsch sind, so waren sie doch nie wirklich weg. Frauen wie Männer sind von Geburt an mit bestimmten Erwartungen konfrontiert und die Aufgaben, denen wir uns annehmen, die Berufe, die wir wählen und unser gesamter Platz in der Gesellschaft hängt immer noch stark mit dem Geschlecht zusammen. Und auch heute noch gibt es genug Stimmen, die traditionelle Rollenbilder rechtfertigen – meistens begründet mit der Biologie. So würde die traditionelle Familie, bestehend aus einem Vater, der die Familie versorgt und einer Mutter, die Betreuungsaufgaben und die Hausarbeit erledigt, den biologischen Voraussetzungen am meisten entsprechen. Aber ist dem wirklich so? Nein, würde Clara Zetkin uns antworten.

Die Hausfrau ist ein Anachronismus

Bereits vor über 130 Jahren bezeichnete sie die Vorstellung der Hausfrau in ihrem Werk „Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart“ (1889) sogar als einen „Anachronismus“. Schließlich hätten sich die Voraussetzungen dafür längst von selbst erledigt. Früher war es vielleicht notwendig gewesen, mehr Zeit in häusliche Arbeit zu stecken – schließlich war diese viel umfangreicher. Doch mit der Industrialisierung wurde es möglich, viele dieser Aufgaben viel effektiver zu lösen und die Frau, die diese traditionell erledigt hatte, von dieser Hausarbeit in großen Teilen zu befreien – oder wer von uns muss heute noch die Wolle für seine Pullover selbst weben, diese selbst stricken und in stundenlanger Arbeit auf einem Waschbrett waschen? Zetkin bezeichnet die Industrialisierung und ihre Möglichkeiten als „Emanzipation vom Kochtopfe“.

Wer war Clara Zetkin?
Clara Zetkin war eine wichtige Kämpferin der Arbeiterbewegung, gab unter anderem die Zeitschrift „Die Gleichheit“ für Arbeiterfrauen raus, kämpfte an der Seite von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegen den Ersten Weltkrieg und war Mitglied der 1919 gegründeten KPD.


Doch es gibt noch eine weitere Entwicklung, die dazu führt, dass die Stellung der Frau sich grundlegend wandelt: Während für die Frauen der bürgerlichen Klassen die „Emanzipation vom Kochtopfe“ bedeutete, dass sich nun der Bildung hingegeben werden konnte (nicht umsonst stritt die bürgerliche Frauenbewegung um Zugang zu Universitäten), war für den Großteil der Frauen ein anderer Faktor bestimmend: Die Armut und der Zwang zur Lohnarbeit. Ebenfalls im Jahr 1889 hielt Clara Zetkin auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris eine Rede mit dem Titel „Für die Befreiung der Frau“. Zu dieser Zeit wurde in der internationalen Arbeiterbewegung diskutiert, wie man sich zur Lohnarbeit der Frauen verhalten sollte. Die Frauenarbeit war billiger und wurde genutzt, um Löhne zu drücken. Außerdem wurden sich Gedanken um die Gesundheit der Frauen gemacht. Doch Zetkin wies all diejenigen scharf zurück, die forderten, die Frau von der Lohnarbeit fernzuhalten. Sie hielt fest, „daß es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet“. Sie argumentierte, dass die Lohnarbeit der Frau im Gegenteil ein entscheidender Faktor für ihre Gleichberechtigung sein könne: „Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht.“ Doch die absolute Bedingung für ihre Unabhängigkeit ist die Arbeit. Es sind diese Entwicklungen im Kapitalismus, wegen denen Zetkin schlussfolgert: „Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren“.

Ist die Frau jetzt frei?

Der Kapitalismus hat die Frauenfrage als gesellschaftliche Frage auf die Tagesordnung gesetzt. Denn aus der neuen Stellung der Frau, insbesondere der Arbeiterfrau, die immer mehr aus dem privaten Raum heraustritt und Teil der Gesellschaft wird, ergeben sich natürlich auch Ansprüche. Eine Frauenbewegung entsteht, die aus den gleichen Pflichten auch gleiche Rechte ableitet und für deren Umsetzung kämpft. Nur weil die Gleichberechtigung der Geschlechter denkbar wird bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch verwirklicht wird. Vielmehr befindet sich die Frau in neuen Widersprüchen. Zetkin schildert, dass die Lohnarbeiterinnen gar keine traditionellen Mütter mehr sein können, sondern zwischen Arbeit und Erziehungsaufgaben hin- und hergerissen sind. Diese Doppelbelastung ist kein Zufall, auch heute nicht: Schließlich werden wir Frauen zwar in der Produktion gebraucht, doch auch die unbezahlte Haus-, Erziehungs,- und Pflegearbeit ist eine notwendige Voraussetzung der Gesellschaft. Dass diese nach wie vor hauptsächlich von Frauen im privaten Raum erledigt wird, spart Kosten und führt zur Doppelbelastung, der viele von uns ausgesetzt sind. Es ist diese Zerrissenheit, aus der Konservative ableiten, dass es besser wäre zurückzukehren zu einer Gesellschaft, in der die Aufgaben nach Geschlecht aufgeteilt sind und jedes Geschlecht seinen „natürlichen“ Platz hat. Dort, wo ein Gehalt ausreicht, um die Familie zu ernähren und die Hausfrauen sich neben der Kindererziehung (die im Übrigen zum Großteil durch Kindermädchen erledigt wird) als Hobby dem Weben ihrer eigenen Wolle und dem Backen ihres eigenen Brotes widmen können sieht das vielleicht rosig aus. Ein sinnvoller gesellschaftlicher Vorschlag ist es nicht. Zetkin schlägt einen anderen Weg vor.
So legt die kapitalistische Gesellschaft den Grundstein für die Befreiung der Frau – und die Widersprüche, in denen sich die Arbeiterfrau befindet, müssten durch eine andere Gesellschaftsform aufgehoben werden. Anstatt die alte Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum wiederherzustellen, müsste diese vielmehr aufgehoben werden. Erst in der neuen, sozialistischen Gesellschaft, für die Zetkin kämpfte, wäre diese vollständige Befreiung der Frau möglich: „Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein.“ Erst wenn die häusliche Arbeit nicht mehr auf die private Arbeit in der Familie abgewälzt wird, sondern als gesellschaftliche Aufgabe anerkannt und angenommen würde kann die vollständige Emanzipation der Frau Erfolg haben.

Naturgegeben ist hier (fast) gar nichts

Diese Vergesellschaftung der Haus- und Erziehungsarbeit würde nicht nur für die Frau Entlastung bedeuten, sondern würde auch die Qualität dieser Arbeit heben. Zetkin vergleicht, dass auch die Bildung früher in jedem Haushalt im Privaten stattgefunden habe – doch mit der Etablierung eines allgemeinen Schulwesens, das nötig wurde, um einen gewissen Bildungsstandard auch unter Arbeitern herzustellen, wurde das allgemeine Bildungsniveau enorm angehoben. Und auch für die frühkindliche Erziehung hätte es nur positive Auswirkungen, sie zu einer gesellschaftlichen Aufgabe zu machen und somit das Niveau der Erziehung nicht von der Eignung der jeweiligen Mutter abhängig zu machen.
Sie hält fest: „[…] die in der Gesellschaft produzierende Frau wurde ihrem „natürlichen“ Berufe entzogen, der überhaupt nur so lange natürlich war, als er sich mit den ökonomischen Grundbedingungen deckte.“ Soll heißen: Es gibt keine natürliche Arbeitsteilung – die Aufgaben sind den Geschlechtern immer so zugefallen, wie es die gesellschaftlichen Bedingungen erforderten. Dabei leugnet Zetkin die Biologie nicht: Die Frauen sind es, die die Kinder gebären und stillen müssen. Doch da hört der biologische Zwang bereits auf – der Rest ist eine gesellschaftliche Frage. Höchste Zeit also, für eine Gesellschaft zu sorgen, in der das Geschlecht nicht mehr die Grenzen dessen bestimmt, was ein Mensch sein kann.

Was ist Geschlecht – und was nicht?

Während Konservative alles daransetzen, aus der Biologie natürliche Rollenbilder abzuleiten, fehlt es an vielen Stellen an fortschrittlichen Antworten auf diese Vorstellungen. In der Frauenbewegung dominiert heute ein liberales Geschlechtsverständnis. So ist besonders die Unterscheidung von sex und gender bzw. biologischem und sozialem Geschlecht beliebt. Diese geht davon aus, dass zwar jeder Mensch ein biologisches Geschlecht hat, das soziale Geschlecht jedoch eine rein subjektive Frage bzw. eine Frage der Identifikation ist. Folglich kann jeder selbst entscheiden, welches Geschlecht er hat und somit auch welchem Rollenbild er sich fügen möchte. Diese Unterscheidung scheint zwar erstmal wie ein Ausweg, weil man auf dieser Grundlage für die Anerkennung aller Identitäten und Lebensentwürfe kämpfen kann. Aber wirklich erklären, woher die gesellschaftlichen Rollenbildern kommen und wie man sie an der Wurzel bekämpfen kann, tun sie nicht. Wir können Biologie und Identität bzw. Rollenbild jedoch nicht einfach voneinander entkoppeln und als unabhängig voneinander erklären. Vielmehr müssen wir das ändern, was die Biologie in eine Geschlechterrolle überträgt – die Gesellschaft. Für wirkliche Befreiung brauchen wir also nicht nur die Freiheit, seine Geschlechtsidentität selbst zu wählen, sondern wir brauchen eine Gesellschaft, in der Geschlecht nicht mehr die Fessel ist, die sie heute oft darstellt.

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