Deutschland in Afrika: Imperialistische Interessen im Schafspelz der Entwicklungshilfe

Die deutsche Afrika-Politik wird offiziell als „Partnerschaft auf Augenhöhe“, „Entwicklungspartnerschaft“ und „Solidaritätspolitik“ präsentiert. 

Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD) beschwört gemeinsam mit afrikanischen Regierungen Werte wie „Freiheit“, „Würde“ und „Gerechtigkeit“. Zugleich sollen „Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik enger miteinander verzahnt“ werden, um angeblich „gemeinsame Herausforderungen“ zu bewältigen und Stabilität zu fördern.

Diese Sprache vermittelt den Eindruck einer Politik, in der es Deutschland angeblich nur um das Wohl der afrikanischen Staaten und seiner Einwohner ginge. Ein kritischer Blick jedochzeigt: Auch die deutsche Entwicklungspolitik ist fest in die Logik des globalen Kapitalismus eingebettet. Sie fungiert als Instrument zur Durchsetzung von Macht- und Kapitalinteressen und reproduziert strukturell ungleiche Abhängigkeiten zwischen den imperialen Interessen Deutschlands und Staaten und Regionen in Afrika. Deutschland kauft sich in die Märkte ein und deutsche Firmen versuchen sich die Rosinen herauszupicken. Diese Dynamik wird besonders deutlich im Vergleich mit anderen imperialistischen Akteuren wie China oder den USA. Während die USA eher nach Rambo-Manier militärische Gewalt ausüben, um Einflussgebiete zu halten, investiert der chinesische Staat strategisch sehr viel Geld, um nachhaltig und längerfristig seinen Einfluss zu befestigen.

Imperialismus im 21. Jahrhundert

Der leninistische Imperialismusbegriff beschreibt den Kapitalismus als ein System, das aufgrund seiner inneren Widersprüche ständig nach neuen Profit- und Investitionsräumen sucht. Lenin betonte, dass im imperialistischen Stadium „das Kapital exportiert wird“, weil der heimische Markt an seine Grenzen stößt – und dass dieser Kapitalexport politisch durch staatliche Machtmittel abgesichert wird. Imperialismus ist dabei kein moralisches Fehlverhalten einzelner Staaten, sondern eine strukturelle Notwendigkeit des Kapitalismus in seiner monopolistischen Phase. Historisch mündete diese Dynamik immer wieder in militärische Konflikte; im 21. Jahrhundert äußert sie sich vor allem in wirtschaftlicher Durchdringung, institutionellen Abhängigkeiten und geopolitischer Konkurrenz.

Im heutigen globalen Kontext nutzen Staaten wie Deutschland, China und die USA politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Mittel, um Einfluss in strategischen Regionen zu sichern. Entwicklungshilfe, Investitionsgarantien, Infrastrukturfinanzierung und Handelsabkommen sind Teil dieses Instrumentariums. „Entwicklungs“politik erscheint dabei als humanitäres Projekt, erfüllt aber zugleich handfeste ökonomische Funktionen.

Deutsche Investitionen in Afrika

Die realen Kapitalflüsse aus Deutschland nach Afrika sind im internationalen Vergleich auffallend gering. Trotz der starken politischen Betonung einer „Partnerschaft“ beliefen sich deutsche Direktinvestitionen im Jahr 2022 auf rund 13 Milliarden US-Dollar – weniger als ein Prozent der gesamten deutschen Auslandsdirektinvestitionen. Afrika spielt für deutsches Kapital also bislang keine zentrale Rolle in quantitativer Hinsicht. Qualitativ handelt es sich jedoch um strategische Investitionen, die sich auf bestimmte Regionen – vor allem Nord- und Südafrika – sowie auf ausgewählte Sektoren wie Industrie, Agrarwirtschaft, Energie und Infrastruktur konzentrieren. Es geht nicht um umfassende Entwicklung, sondern um gezielte Kapitalverwertung unter politisch günstigen Bedingungen. Rund 1.000 deutsche Firmen sind in Afrika aktiv, während zum Vergleich mehr als 10.000 chinesische Unternehmen auf dem Kontinent tätig sind. Deutschland ist damit kein dominanter wirtschaftlicher Akteur, versucht aber, seine Position systematisch auszubauen. Gleichzeitig zeigen Unternehmensumfragen hohe Profiterwartungen: In Südafrika rechnen rund 64 Prozent der deutschen Firmen mit steigenden Umsätzen, knapp die Hälfte erwartet steigende Gewinne. Afrika gilt als Zukunftsmarkt – wegen wachsender Mittelschichten, steigender Nachfrage nach Technologie und vor allem wegen seiner unergründeten Rohstoffe.

Geostrategische Zielsetzungen deutscher Entwicklungspolitik

Hier fungiert Entwicklungspolitik als politischer Türöffner. Unter Alabali-Radovan wird offen betont, dass eine „gemeinsame Transformation“ nur durch die enge Verzahnung von Entwicklungs-, Außen- und Sicherheitspolitik möglich sei. Beim Afrikatag am 22. Mai 2025 erklärte sie, Deutschland wolle Stabilität, wirtschaftliche Zusammenarbeit und gemeinsame Kooperationsstandards fördern. Diese Sprache zeigt, wie moralische Kategorien systematisch zur Legitimation staatlicher Interessen eingesetzt werden.

Besonders deutlich wird der strategische Charakter der Afrikapolitik beim Thema Rohstoffe. Afrika verfügt über große Vorkommen sogenannter kritischer Mineralien wie Kobalt, Kupfer, Lithium und Seltene Erden – Rohstoffe, die für Energiewende, KI- und Digitalisierung und Rüstungsproduktion unverzichtbar sind. Mit der EU-Initiative „Global Gateway“ soll der Zugriff auf diese Ressourcen abgesichert werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete das Projekt offen als Initiative, um kritische Mineralien aus afrikanischen Ländern „auf die globalen Märkte zu bringen“. Gemeint sind damit vor allem europäische Lieferketten.

Hier zeigt sich ein offener imperialistischer Wettbewerb. Die USA, China und EU-Staaten wie Deutschland oder Frankreich ringen um Rohstoffe, Infrastruktur und politische Allianzen. Entwicklungspolitik wird dabei zum Mittel der Rohstoffsicherung und zur geopolitischen Antwort auf die wachsende chinesische Präsenz in Afrika. Die als Hilfe angepriesenen Gelder versickern oft auf Konten bei korrupten Beamten oder Führern der jeweiligen Länder und deutsche Firmen kaufen sich quasi in den Markt ein.

China–Afrika: „Partnerschaft“ oder eine neue Form des Kapitalismus?

China nimmt in Afrika eine andere, aber ebenfalls imperialistische Rolle ein. Offiziell spricht die chinesische Regierung von einer „Partnerschaft des gegenseitigen Nutzens“, die Industrialisierung, Beschäftigung und Infrastruktur fördern soll. Im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative sowie über den China-Africa Development Fund wurden Investitionen und Finanzierungen in dreistelliger Milliardenhöhe getätigt. Diese Projekte schaffen Infrastruktur und Arbeitsplätze, schaffen jedoch strukturelle Abhängigkeiten. Afrika exportiert überwiegend Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte, während aus China vor allem verarbeitete Industrieerzeugnisse importiert werden. Die ungleiche Arbeitsteilung bleibt bestehen.

Der Unterschied zwischen westlichem und chinesischem Engagement liegt weniger im Ziel als in der Organisation. Während deutsche Investitionen meist privatwirtschaftlich organisiert und staatlich flankiert sind, agiert China stärker über staatlich koordinierte Kapitalströme. Der imperialistische Kern bleibt identisch: Kapitalexport, Rohstoffzugang und geopolitische Einflussnahme.

Imperialismus neu verpackt

Daraus ergibt sich eine klare politische Konsequenz: Die deutsche Afrikapolitik ist nicht einfach „unzureichend“ oder „reformbedürftig“ – sie ist strukturell imperialistisch. Solange Entwicklungspolitik innerhalb des kapitalistischen Weltsystems operiert, kann sie keine gleichberechtigten Beziehungen hervorbringen. Sie stabilisiert die bestehende internationale Arbeitsteilung, anstatt sie zu überwinden.

Begriffe wie Partnerschaft, Nachhaltigkeit und Sicherheit fungieren als ideologische Fassade, hinter der die grundlegenden Eigentums- und Machtverhältnisse unangetastet bleiben. Afrikanische Länder werden weiterhin als Rohstofflieferanten, Absatzmärkte und Investitionsräume behandelt, während Wertschöpfung, technologische Kontrolle und Profite in den kapitalistischen Zentren konzentriert bleiben. Entwicklungspolitik dient damit weniger der Emanzipation als der Reinwaschung imperialistischer Interessen.

Eine sozialistische Perspektive muss deshalb über Forderungen nach „fairerer“ Entwicklungspolitik hinausgehen. Notwendig ist eine grundsätzliche Infragestellung der imperialistischen Arbeitsteilung selbst: Ablehnung von Rohstoffstrategien wie „Global Gateway“, Kritik an Investitionsschutzabkommen und Widerstand gegen die sicherheitspolitische Aufladung von Entwicklungspolitik. Internationale Solidarität kann nur jenseits von Kapitalexport, Rohstoffplünderung und geopolitischer Machtpolitik entstehen – als gemeinsame Perspektive der arbeitenden Klassen in Afrika, Europa und weltweit.

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