Die Bedeutung der Wahlen 2026 in Brasilien

Brasilien steht erneut vor einer politischen Richtungsentscheidung.

Im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2026 treten zwei Kandidaten gegeneinander an: der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der nach einem Putschversuch zwischen 2022 und 2023 verurteilt und verhaftet wurde.
Im ersten Wahlgang am 4. Oktober erreichte Flávio Bolsonaro 47,03 Prozent der gültigen Stimmen, Lula 45,16 Prozent. Da keiner der beiden die notwendige Mehrheit erreichte, kommt es am 25. Oktober zur Stichwahl. Mit einem Abstand von weniger als zwei Prozentpunkten entscheidet sich damit in einer außerordentlich knappen Wahl, welcher politische Kurs Brasilien in den kommenden Jahren bestimmen wird. Auch hier machten die USA klar: Die brasilianische Präsidentschaftswahl findet unter der stärksten ausländischen Einflussnahme seit dem Militärputsch von 1964 statt. 2026 steht für Brasilien viel auf dem Spiel. Bereits lange vor dem ersten Wahlgang griff die Trump-Regierung zunehmend in den politischen Konflikt Brasiliens ein. Im Zentrum standen dabei die Unterstützung des Bolsonaro-Lagers und der Angriff auf jene Institutionen, die gegen Jair Bolsonaro und sein politisches Umfeld vorgingen. Im Juli 2025 verhängten die USA Sanktionen gegen den brasilianischen Verfassungsrichter Alexandre de Moraes, der das Verfahren gegen Jair Bolsonaro wegen des versuchten Staatsstreichs leitete. Kurz darauf belegte Washington einen Großteil der brasilianischen Exporte mit einem Zoll von 50 Prozent. Begründet wurde dies ausdrücklich auch mit der angeblichen „Hexenjagd“ gegen Bolsonaro, aber ebenso mit dem erklärten Versuch, Brasilien davon abzuhalten, Seltene Erden an China zu verkaufen. Im weiteren Verlauf wurden zusätzliche Sanktionen gegen Personen aus dem Umfeld des Obersten Gerichtshofs sowie Visa-Beschränkungen verhängt. Flávio und Eduardo Bolsonaro begrüßten diese Maßnahmen teilweise ausdrücklich.
Zudem klassifizierte die US-Regierung auf Flávios Nachfrage im Juni 2026 die größten brasilianischen Kartelle, das PCC und das Comando Vermelho, als terroristische Organisationen. Damit wurde Flávios zentrale Wahlkampferzählung von einem harten Kampf gegen die organisierte Kriminalität international aufgewertet. Zugleich wurde – ähnlich wie im Fall Venezuelas – eine Grundlage für eine mögliche amerikanische militärische Intervention geschaffen.
Noch unmittelbarer wurde der Einfluss im Vorfeld der Wahl. Der US-Außenminister Marco Rubio griff Lula öffentlich an, während Flávio Bolsonaro im Weißen Haus empfangen wurde. Nach Angaben der brasilianischen Regierung versuchte das US-Außenministerium außerdem, Mitarbeiter nach Brasilien zu schicken, um über den Wahlprozess zu sprechen – darunter auch zu einem geplanten Treffen mit Flávio Bolsonaro. Gleichzeitig berichtete der Guardian Ende September, dass die Trump-Regierung rund eine Million US-Dollar aus einem Programm des US-Außenministeriums für ein Projekt bereitstellen wollte, das sich gegen den brasilianischen Obersten Gerichtshof und insbesondere gegen dessen Vorgehen gegen Bolsonaro-nahe Akteure richtete.
Auch im Bereich der sozialen Medien entstand ein Konflikt: Die US-Regierung stellte sich gegen die Regulierung amerikanischer Plattformen durch Brasilien. Kurz vor der Wahl wurde zudem Lulas Facebook-Werbung vorübergehend von Meta deaktiviert, noch am selben Tag jedoch wieder freigeschaltet.
Warum aber mischen sich die USA gerade jetzt so intensiv ein? Hinter dem unmittelbaren Konflikt um Bolsonaro steht ein wesentlich größerer geopolitischer Machtkampf: der Versuch Washingtons, den wachsenden chinesischen Einfluss in Lateinamerika einzudämmen und Brasilien stärker in eine von den USA dominierte Wirtschafts- und Sicherheitsordnung einzubinden.
Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, verfügt über enorme Agrar-, Energie- und Rohstoffressourcen, kontrolliert den größten Teil des Amazonas und spielt innerhalb der BRICS eine zentrale Rolle. Für Washington ist dabei besonders entscheidend, dass China inzwischen Brasiliens wichtigster Handelspartner ist und in Bereichen wie Rohstoffen, Infrastruktur, Energie, Telekommunikation und Landwirtschaft tief in die brasilianische Wirtschaft eingebunden ist.
Gleichzeitig besitzt Brasilien riesige Vorkommen strategischer Mineralien, darunter Seltene Erden, die für Elektronik, die Energiewende und militärische Technologien unverzichtbar sind. Angesichts der weiterhin dominierenden Stellung Chinas bei der Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe versucht die Trump-Regierung, alternative Lieferketten aufzubauen und den chinesischen Zugriff auf brasilianische Ressourcen zu begrenzen. Genau deshalb verlangte Washington unter anderem, dass Brasilien seine Seltenen Erden nicht an China verkauft.
Hinter all den geopolitischen Konflikten steht jedoch eine viel unmittelbarere Frage: Wie lebt die brasilianische Bevölkerung?
2024 lebten rund 59 Millionen Menschen in Armut, davon 9,5 Millionen in extremer Armut. Gleichzeitig waren 18,9 Millionen Haushalte von irgendeiner Form der Ernährungsunsicherheit betroffen; in rund 2,5 Millionen Haushalten herrschte schwere Ernährungsunsicherheit – dort reicht das Essen nicht für alle, und Menschen müssen tatsächlich hungern. Dazu kommen rund 38 Millionen informell Beschäftigte und 1,65 Millionen Kinder und Jugendliche, die 2024 arbeiten mussten.
Brasilien ist damit ein Land enormen Reichtums und zugleich massiver materieller Not. Während Agrarkonzerne, Bergbau, Finanzkapital und internationale Unternehmen von Land, Rohstoffen und Arbeitskraft profitieren, kämpfen Millionen Menschen um Essen, Wohnraum und ein gesichertes Einkommen.
Lula und Flávio Bolsonaro vertreten zwar sehr unterschiedliche Programme, bieten aber keine Lösung für die grundlegenden Nöte der Bevölkerung. Flávio setzt auf Steuersenkungen, Privatisierungen und eine Politik, die vor allem Unternehmen und Reiche entlastet. Hinzu kommen Positionen, die aufgrund seines rassistischen und rückschrittlichen Weltbildes schwere Folgen für Schwarze, Indigene und andere benachteiligte Gruppen haben könnten. Dazu gehören etwa Einschränkungen indigener Landrechte, die Lockerung des Umweltschutzes, härtere Strafen für Jugendliche, Hetze gegen LGBTQI-Personen sowie die Verharmlosung der Militärdiktatur von 1964 bis 1981. Wie schon beim Militärputsch von damals sucht Flávio die Unterstützung der US-Regierung, um sein politisches Programm durchzusetzen. Im Gegenzug verspricht er Washington Zugang zu den brasilianischen Vorkommen an Seltenen Erden und eine stärkere Unterordnung Brasiliens unter die Interessen der USA.
Lula setzt dagegen auf Sozialleistungen, höhere Löhne und staatliche Investitionen und Stärkung der einheimische Industrie. Dabei verfolgt Lula keinen klaren Bruch mit dem Westen, sondern versucht, aus der Konkurrenz zwischen China, Russland, USA und EU Vorteile für Brasilien und die brasilianische Wirtschaft zu ziehen. Diese Maßnahmen helfen zwar vielen Menschen, dienen aber in erster Linie dazu, den brasilianischen Markt und die heimischen Unternehmen zu stärken. Sobald diese Interessen gefährdet werden, steht Lula jedoch weiterhin auf der Seite des Kapitals und verzichtet auf Verbesserungen für die Arbeiterklasse. Das wurde auch im Rahmen seiner Position zur Einführung der 5-Tage-Woche deutlich: Trotz massiver Proteste gegen die 6-Tage-Arbeitswoche setzte Lula zunächst auf Verhandlungen und nicht auf deren Abschaffung. Dann unter wachsendem Druck unterstützte er eine abgeschwächte 5-Tage-Woche und positionierte sich erst im Wahlkampf deutlicher für das Ende der 6×1-Regelung.
Die Armut wird dadurch zwar begrenzt gelindert, aber die grundlegende Frage, warum der Reichtum so ungleich verteilt ist und wer über ihn verfügt, bleibt bestehen. Die entscheidende Frage geht deshalb über diese Wahl hinaus: Warum leben in einem der reichsten Länder der Welt noch immer Millionen Menschen in Armut und Hunger – und wem gehört der Reichtum Brasiliens?
Eine entscheidende Antwort liefert die Partei Unidade Popular (UP). Die UP fordert grundlegende soziale Veränderungen: höhere Löhne, das Ende der 6×1-Arbeitswoche, eine Agrarreform, die Verstaatlichung strategischer Bereiche, mehr Investitionen in Gesundheit und Wohnen sowie eine Politik gegen Rassismus, Frauenunterdrückung und soziale Ausgrenzung.
Diese Art von Programm wird in der bürgerlichen Demokratie jedoch stets benachteiligt. Kleine Parteien wie die UP treten bei Wahlen unter deutlich schlechteren Bedingungen an als die großen Parteien. Ihnen fehlen die finanziellen Mittel aus Großspenden und Lobbyismus, die Medienpräsenz, die Wahlkampfstrukturen und der Zugang zu Fernsehen und Radio, über die etablierte Parteien verfügen.
Und trotz aller Schwierigkeiten konnte die UP ihren Stimmenanteil bei der Präsidentschaftswahl 2026 gegenüber 2022 mehr als verdoppeln: Samara Martins erhielt rund 123.000 Stimmen (0,10 Prozent), nachdem die UP 2022 noch etwa 53.500 Stimmen (0,05 Prozent) erhalten hatte. Auch wenn die Partei damit parlamentarisch weiterhin klein bleibt, zeigt das Ergebnis ein Wachstum ihrer politischen Verankerung und ihrer Bekanntheit. Ihr Einfluss beschränkt sich zudem nicht auf Wahlen, sondern entsteht vor allem durch die Verbindung mit sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und Kämpfen in den Armenvierteln.
Die politische Bedeutung der UP zeigt sich deshalb auch außerhalb des Parlaments, in den sozialen Bewegungen, aus denen sie hervorgegangen ist und mit denen sie verbunden ist. Bewegungen wie Movimento Luta nos Bairros, Movimento Olga Benario, MST (Bewegung der landlosen Arbeiterinnen und Arbeitern) und MTST (Bewegung der obdachlosen Arbeiterinnen und Arbeiter) organisieren Menschen direkt in Wohnvierteln, Favelas und auf dem Land und kämpfen durch Besetzungen, Proteste und Selbstorganisation für Wohnungen, Land, höhere Löhne, Schutz vor Gewalt und bessere Lebensbedingungen.
Damit zeigen sie, dass soziale Verbesserungen nicht nur von Regierungen oder Parlamenten kommen, sondern auch von unten, durch die gemeinsame Organisierung der betroffenen Menschen, erkämpft werden können.

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