Unter dem Motto „Es reicht – die Scham muss die Seite wechseln“ solidarisierten sich rund 22.000 Menschen in Hamburg mit den Betroffenen. Unter ihnen auch Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes mit einer schusssicheren Weste und Polizeischutz auf der Bühne. „Ich wollte hier rauskommen und stark sein, aber ich schaffe es gerade nicht“, erklärt sie. Hintergrund der Demonstrationen ist unter anderem ihre eigene Betroffenheit. In den letzten Wochen teilte Fernandes öffentlich, dass ihr Ex-Ehemann, der Schauspieler Christian Ulmen, über 10 Jahre lang gefälschte pornografische Inhalte von ihr teilte und Fake-Profile von ihr erstellte.
Die Zahlen der Betroffenen von sexualisierter und häuslicher Gewalt stiegen in Deutschland laut Bundeskriminalamt in den letzten Jahren auf ein Rekordhoch. Frauen viel häufiger Opfer solcher Gewalt. So wird in Deutschland fast jeden Tag eine Frau ermordet. 70 Prozent dieser Femizide passieren im häuslichen Rahmen. Doch Gewalt erfahren Frauen nicht nur zu Hause, sondern ebenso auf der Arbeit, in der Öffentlichkeit sowie im Internet in Form von digitaler Gewalt. Digitale Gewalt kann viele verschiedene Formen von Gewalt umfassen. Täter nutzen technische Geräte, um Betroffene zu überwachen, sie zu isolieren, zu diffamieren oder zu erpressen. Hier spielen soziale Medien eine zentrale Rolle, ebenso wie Messenger-Apps oder E-Mails. Über digitale Wege versuchen Täter, mehr Kontrolle und Überwachung über die Betroffenen zu erlangen. Hierzu werden in einigen Fällen auch intime Fotos oder Videos veröffentlicht oder an das Umfeld der Betroffenen weitergeleitet. Dabei nutzen Täter immer häufiger Künstliche Intelligenz und manipulieren so Videos und Fotos. Bei der sogenannten „Deepfake-Pornografie” werden reale Gesichter und Körper mittels KI ohne Einverständnis der Betroffenen in pornografische Inhalte montiert. Die Inhalte werden unter anderem auf speziellen Online-Plattformen, Social Media oder Pornoseiten geteilt. Die dabei genutzten Technologien sind mittlerweile so fortgeschritten, dass es kaum noch möglich ist, gefälschte Inhalte von echten zu unterscheiden.
„Du hast mich virtuell vergewaltigt“, erklärt Collien Fernandes in der Spiegel-Recherche. Die Person, die ihr am nächsten stand, hat sie über zehn Jahre lang gedemütigt und ihren Körper im Internet missbraucht. Fernandes machte bereits im Jahr 2023 öffentlich, dass gefälschte pornografische Inhalte von ihr im Netz kursieren. 2024 veröffentlichte sie gemeinsam mit dem ZDF eine zweiteilige Dokumentation, die sich mit dem Thema digitaler Gewalt und Deepfake-Pornografie auseinandersetzt. In der Dokumentation wird unter anderem auch mit weiteren Betroffenen gesprochen. Neben den Deepfake-Pornos und Nacktbildern fand man ebenfalls Fake-Accounts. Erstmals aufmerksam auf die Fake-Accounts wurde Fernandes durch ein Mittagessen mit einem Produzenten. Dieser ist in Kontakt mit einem der Fake-Accounts getreten und hat sie auf „ihre” Unterhaltungen angesprochen. Der Täter trat über LinkedIn mit den Fake-Profilen mit über 100 Männern in Kontakt. Die Männer sollen dabei teilweise aus ihrem privaten und beruflichen Umfeld stammen. Mit 30 Männern wurde über einen längeren Zeitraum eine intensive „Internet-Affäre“ geführt. Dabei wurden gefälschte Nacktbilder und Sexvideos geteilt. Es wurden Sextreffen vereinbart, die dann wieder kurzfristig abgesagt wurden. Mittels einer KI soll sogar die Stimme von Fernandes gefälscht und zum Telefonsex benutzt worden sein. Collien Fernandes erstattete 2024 eine Anzeige gegen Unbekannt. Sie gab an, dass Ulmen sich aufgrund dieser Anzeige geständig zeigte. Auf Social Media kam es zu vielen Statements von anderen Medienschaffenden. Viele solidarisieren sich mit Collien Fernandes.
Fernandes zeigte ihren Ex-Ehemann in ihrem letzten gemeinsamen Wohnsitz in Spanien an. Die Rechtslage dort gibt ihr Hoffnung. In Spanien gibt es bereits seit 2004 ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Für diese Form von Gewalt werden Polizei, Justiz und Behörden ebenfalls geschult und eigene Notfalltelefone für Fälle von Gewalt an Frauen eingerichtet. Seit 2022 gilt zudem das sogenannte „Nur Ja ist Ja“-Gesetz, das Frauen nicht nur vor direkten Übergriffen, sondern auch vor anderen Formen von Gewalt wie beispielsweise auch der Verbreitung sexueller Gewaltakte in digitalen Medien schützt. Ein aktueller Gesetzesentwurf befasst sich ebenso mit dem Ausbau von Schutz vor digitaler Gewalt. In Deutschland existiert bislang noch kein spezifischer Straftatbestand für nicht-einvernehmliche gefälschte Sexbilder und -videos. Der Fall von Collien Fernandes ist kein Einzelfall. Aus den Demonstrationen geht die Forderung hervor, eine gleiche Regelung wie in Spanien zu finden. Des Weiteren richteten mehr als 250 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur einen 10-Punkte-Plan an die Bundesregierung. Zu den zentralen Forderungen zählt, dass die Erstellung und Verbreitung von sexualisierten Deepfakes ohne Einwilligung strafbar wird. Zudem fordern sie ein Verbot von sogenannten Nudify-Apps, die gefälschte Nacktbilder erzeugen, und wollen Internetplattformen dazu verpflichten, solche Inhalte schnell zu löschen. Betroffene sollten klare Rechte auf die Löschung der Inhalte, die Auskunft über gespeicherte Daten und die Identifizierung der Täter erhalten. Auch Bundeskanzler Merz äußerte sich in den letzten Tagen zu diesem Fall. Doch anstatt einer Antwort oder eines Lösungsansatzes gibt er den „Zuwanderern” die Schuld an der Gewalt an Frauen. Eine solche Anschuldigung ist nicht einfach nur falsch, sondern spaltet. Der Schutz von Frauen wird dabei instrumentalisiert.
Digitale Gewalt darf von der Politik nicht weiter ignoriert werden. Auch auf der Demo in Hamburg wurde deutlich: „Der Schutz von Frauen und Mädchen ist kein Thema, mit dem sich die Regierung schmücken kann, wenn es ihnen passt. Wir lassen unser Leid nicht ausnutzen für Spaltung und Hetze. Wir fordern echten Schutz vor Gewalt, echte Unabhängigkeit und ein Ende des Täterparadies!“. Die Scham muss die Seite wechseln.




