Und die herrschende Klasse im Kapitalismus – die Bourgeoisie – ähnelt in ihrem moralischen Verfall Oscar Wildes Romanfigur „Dorian Gray“. Ein junger Mann, der äußerlich ewig jung und schön bleibt, während ein von ihm gemaltes Porträt all seine Grausamkeiten und Verbrechen sichtbar macht. Je rücksichtsloser Dorian lebt, desto hässlicher und entstellter wird das Bild – während er selbst weiterhin makellos erscheint. Er kann seine Schuld für eine gewisse Zeit verstecken, aber nicht aufheben. Am Ende, als er das Bild – also den Beweis für seine moralische Verkommenheit – zerstören will, kommt die Wahrheit ans Licht: Dorian stirbt, und seine wahre, verdorbene Gestalt wird sichtbar. Doch was hat Dorian mit der herrschenden Klasse zu tun? Die Antwort auf diese Frage liefern uns die Epstein-Dokumente.
Wem nützt der Fall Epstein?
Der Fall des Milliardärs Jeffrey Epstein, der wegen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen und des Aufbaus eines internationalen Prostitutionsnetzwerks angeklagt war und während der Untersuchungshaft tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden wurde, wurde
mit Zustimmung des US-Justizministeriums erneut geöffnet – und doch werden die Unterlagen nicht vollständig offengelegt. Trotz der Veröffentlichung von rund drei Millionen Seiten Dokumenten, 180.000 Fotos und etwa 2.000 Videos heißt es, eine neue umfassende Untersuchung sei nicht geplant. Diese Unterlagen, in denen sich Personen auf Ebene von Staatsfunktionären oder Vertretern großer Kapitalunternehmen aus den USA, Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Dänemark, Türkei usw. usf. finden, legen tausend-, zehntausend-, vielleicht hunderttausendfache Verbrechen offen, für die selbst der Begriff der „perversen Verwertung von Körpern“ im kapitalistischen Markt kaum noch ausreicht. Genannt werden unter anderem Donald Trump, Bill Clinton, Bill Gates, Emmanuel Macron, Elon Musk sowie der britische Prinz Andrew. In mehreren Dokumenten wird festgehalten, dass prominente Persönlichkeiten Epstein selbst dann weiterhin trafen, als er bereits 2008 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagt war. Besonders schwer wiegen Hinweise, wonach minderjährige Mädchen aus zahlreichen Ländern entführt und auf Epsteins privater Insel als Ware eines Prostitutionssystems angeboten wurden. In den Akten heißt es, dass einige dieser Mädchen kein Englisch sprachen und deshalb besonders schutzlos ausgeliefert waren. Damit wird ein Netzwerk des Menschenhandels sichtbar, dass weit über individuelle Straftaten hinausgeht.
Doch die Ermittlungen werden nicht offen und transparent geführt, sondern so, wie es den Herrschenden nützt. So versuchen Teile der politischen Landschaft in den USA anderen die Legitimität zu entziehen, indem sie ihr Vorkommen in den Epstein-Dokumenten anprangern. Teile der Demokraten drängten auf die Veröffentlichung mit dem Ziel, Trump zu schaden – gleichzeitig sind Politiker der Konservativen sowie der Demokraten darin zu finden. In der Schlammschlacht um die Epstein-Dokumente gibt es somit auf Seiten der herrschenden Klasse der USA heute keinen direkten Gewinner. Dass die Berichterstattung in Deutschland so umfangreich ist liegt ebenfalls nicht daran, dass man die deutschen Beteiligten an dem Fall zur Rechenschaft ziehen will, sondern ist auch Ausdruck der aktuellen Interessen der deutschen Politik, die Trump-Regierung zu diskreditieren, da deren Politik deutsche Interessen auf vielen Gebieten empfindlich berührt. Egal, wer über die Dokumente berichtet – das Motiv ist immer wieder die Diskreditierung politischer Gegner.
Kein Betriebsunfall
Doch in dem Prozess geht es nicht um Einzelfiguren oder moralisches Versagen einzelner Reicher. Die Dokumente verweisen auf ein internationales Netzwerk, in dem Staatspräsidenten, Mitglieder königlicher Häuser, CEOs multinationaler Konzerne, Geheimdienste und einflussreiche Akademiker auftauchen. Sexueller Missbrauch von Kindern ist dabei nicht Randerscheinung, sondern Teil eines Macht-, Erpressungs- und Kontrollsystems. Im Zentrum dieses Netzwerks stehen nicht „abartige Einzelne“, sondern die Macht- und Interessenbeziehungen des Kapitalismus selbst. Es ist ein System, in dem politische Entscheidungen vorbereitet, Staatsstreiche geplant, militärische Interventionen abgestimmt und Geheimdienstinformationen ausgetauscht werden – abgesichert durch Erpressung, sexuelle Gewalt und ökonomische Abhängigkeiten. Die Epstein-Strukturen sind Teil dieser Architektur.
Doch man muss nicht erst den systematischen Missbrauch in diesen Kreisen aufdecken, um die Verkommenheit der herrschenden Klasse aufzudecken. Wer gestern Vietnam bombardierte, heute den Nahen Osten verwüstet, Staatschefs entführen lässt, Iran bedroht, Gaza zerstört und die Kurden mit Vernichtung droht, gehört zu denselben Machtstrukturen, die Epstein möglich machten. Es sind unterschiedliche Erscheinungsformen derselben Ordnung. Dass die herrschenden Eliten eines Systems, dessen Grundprinzip Profitmaximierung ist, den menschlichen Körper – den von Frauen, Kindern, Alten, Arbeitern – als verwertbare und austauschbare Ressource behandeln, ist kein Betriebsunfall. Neben legaler Ausbeutung existieren illegale Märkte als wichtige Bestandteile dieses Systems: Prostitution, Menschenhandel, Drogenökonomie, Sklavenarbeit. Epstein ist nicht die Ausnahme, sondern eine besonders sichtbare Figur dieses Mechanismus. Dieses System nutzt die Arbeitskraft von Milliarden Arbeiterinnen und Arbeitern als Quelle und Mittel des Profits. Es verurteilt Hunderte Millionen Menschen zu Hunger, Durst und Obdachlosigkeit. Es verursacht immer wieder Kriege hier und dort, die Hunderttausende töten, verletzen, verstümmeln und Kulturen sowie historische Errungenschaften auslöschen. Die Verbrechen lassen sich nicht als bloße „Einzelfälle“ oder abstrakte „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ abtun. Sie sind Ausdruck eines verrotteten Systems, das diese Verhältnisse hervorbringt und schützt.
Moralischer Bankrott der Herrschenden
Zurück zum Bildnis des Dorian Gray. Wie Dorian hat auch der Kapitalismus seine Verbrechen lange hinter einer Fassade – von Fortschritt, Wohlstand, „Demokratie“ und Zivilisation -verborgen. Kriege, Ausbeutung, Kolonialverbrechen, Hunger, Umweltzerstörung und sexuelle Gewalt wurden verschleiert, unsichtbar gemacht oder als „Betriebsunfall“ kaschiert – wie Dorians Sünden im Bild.
Doch wie im Roman lässt sich die Wahrheit nicht endlos verstecken. Heute wird die Hässlichkeit des Systems sichtbarer denn je: in Völkermorden, globaler Verelendung, zerstörten Lebensgrundlagen, der grenzenlosen Ausbeutung von Mensch und Natur und der Normalisierung barbarischer Gewalt. Die Maske fällt, und es tritt noch offener zutage, was immer da war: ein System, das auf Ausbeutung, Gewalt und Entmenschlichung beruht – und dessen innere Fäulnis sich nicht länger verbergen lässt. Das Porträt hängt nicht mehr im verschlossenen Zimmer – es steht mitten im Raum. Doch anders als die herrschende Klasse wollte Dorian nicht, dass jemand sein wahres, verdorbenes Gesicht sieht. So starb er bei dem Versuch, sein Bild und damit seine Sünden, zu zerstören.
Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Der Kapitalismus wird sich und sein verdorbenes Bild nicht selbst zerstören. Der Ausweg liegt nicht in moralischer Empörung allein, sondern im organisierten Widerstand. Solange Frauen und Kinder, Arbeiterinnen und Arbeiter, Jugendliche und Unterdrückte weltweit diesem System nicht geschlossen entgegentreten, werden die „Epsteins“ und ihre Netzwerke weiter existieren.




