Kampf um die Köpfe
Dass der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst (CIA) spätestens seit den 1950er Jahren weltweit einen erbitterten Kampf gegen den Marxismus führte, ist allgemein bekannt. Doch während Mitte des 20. Jahrhunderts große Teile der globalen Spionageorganisation damit beschäftigt waren, demokratisch gewählte Regierungen zu stürzen, faschistische Diktatoren mit Geheimdienstinformationen und Geld zu versorgen und rechtsextreme Todesschwadronen zu unterstützen, verfolgten Agenten in Europa einen besonderen Auftrag: Den Kommunismus auf ideologischer und kultureller Ebene zu bekämpfen.
Das 2010 von der CIA selbst veröffentlichte Dokument Origins of the Congress for Cultural Freedom, 1949–1950 beschreibt, wie die CIA eine eigene Kulturorganisation unter dem Namen Congress for Cultural Freedom (CCF) ins Leben rief und finanzierte. Diese Organisation veröffentlichte politische Zeitschriften wie Encounter und veranstaltete dutzende Konferenzen, die einige der bekanntesten westlichen Denker zusammenbrachten. Die CIA beschreibt die Arbeit der CCF folgendermaßen: „Auf irgendeine Weise gelang es dieser Organisation von Gelehrten und Künstlern – egozentrisch, frei denkend und politisch sogar anti-amerikanisch – von ihrem Pariser Hauptquartier aus zu zeigen, dass der Kommunismus trotz seiner Verlockungen ein tödlicher Feind von Kunst und Denken war.“ (Übersetzung aus Origins of the Congress for Cultural Freedom, 1949–1950)
Die gezielte Unterstützung linker Intellektueller begründet die CIA so: „Anstatt die politische Rechte in Europa und Asien zu unterstützen, würde OPC die ‚nicht-kommunistische Linke‘ als die verlässlichste Bastion gegen den Kommunismus unterstützen.“ (Übersetzung aus Three Case Studies of the CIA’s Covert Support of American Anti-Communist Groups in the Cold War, 1949–1967)
Ziel war es, die fortschrittliche Bewegung in Europa durch die gezielte Förderung nicht-marxistischer linker Intellektueller für den kapitalistischen Westen als Ganzes ungefährlicher zu machen. Über 30 Jahre später hält die CIA in ihrem Dokument France: Defection of the Leftist Intellectuals fest, dass Intellektuelle, die ursprünglich dem Marxismus angehörten, dann aber anti-marxistische Positionen einnahmen, besonders effektiv seien, um die gesamte fortschrittliche Bewegung zu demoralisieren. Gemeint waren hier Denker wie Michel Foucault, Jacques Lacan und Roland Barthes.
Warum gerade diese Denker?
Doch was war es an diesen Denkern, dass sie für die CIA nützlich erschienen ließ? Die Antwort liegt in der dahinterliegenden Philosophie – und sie hat mehr mit der heutigen „Linken“ zu tun, als man auf den ersten Blick vielleicht denken würden. Ihre Ideen wurden später als „postmodernes Denken“ zusammengefasst und enthalten wichtige Merkmale, die in intellektuellen und akademischen Kreisen bis heute Einfluss haben. So ersetzten postmoderne Denker diejenigen Philosophien, die sie als „Metanarrative“ bezeichneten, durch ein fragmentarisches Denken. „Metanarrative“, das waren für sie all diejenigen Ideen, die versuchten, die Welt als Ganzes systematisch zu erfassen. Namentlich die Aufklärung und auch der Marxismus wurden in genau diesem Versuch kritisiert – für diese neuen Denker gab es keine objektive Wahrheit, die durch die Wissenschaft erkennbar und veränderbar wäre. Foucault beispielsweise rückte vielmehr den Begriff des „Diskurses“ in den Mittelpunkt. Für ihn entstand gesellschaftliche Realität aus „Diskurs“, also aus der Art und Weise, wie über Phänomene, Menschen und die Erscheinungen in der Welt gesprochen wird. Dieser „Diskurs“ würde die Welt überhaupt erst konstruieren. Entscheidend ist in der postmodernen Philosophie auch ein radikaler Subjektivismus. So werden Gesellschaft und Wahrheit prinzipiell hinterfragt – erkennbar ist nur die subjektive Realität für jeden einzelnen. Gesellschaftliche Veränderung kommt in dieser Philosophie nicht aus einer Bewegung, einer kollektiven Handlung oder dem Klassenkampf, sondern dadurch, dass „Diskurse“ und somit Realitäten „dekonstruiert“ werden – beispielsweise, indem man die Sprache verändert.
Auch wenn diese Philosophie, geprägt von Michel Foucault, Jaques Derrida, Jean-Francois Lyotard und anderen sehr unnahbar formuliert ist, konnte sie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss gewinnen. Viele der Anschauungen und Vorstellungen, die heute in fortschrittlichen und akademischen Kreisen bis in den Mainstream verbreitet sind, haben ihre Wurzeln in dieser Philosophie.
Folgen, die wir bis heute spüren
Das Erbe dieses kulturellen und ideologischen „Klassenkampfs von oben“ ist bis heute spürbar. Die philosophische Vorstellung, jeder hätte seine eigene, subjektive Wahrheit und würde sich in einer durch eine bestimmte Art von „Diskurs“ konstruierten gesellschaftlichen Position wiederfinden, kommt hier ganz praktisch zum Ausdruck. Ob Rassismus, Sexismus oder andere Unterdrückungsformen – sie alle werden zu Erfahrungen gemacht, die ausgehend vom Individuum verstanden und verändert werden müssen.
Der Kampf gegen Rassismus, für die Rechte von Frauen, gegen die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen und so weiter wird in eine unendliche Menge individueller Kämpfe ohne gemeinsame Eigenschaften aufgelöst. Es wird das betont, was uns trennt und nicht das, was uns verbindet. Anstatt auf gemeinsame Klasseninteressen konzentriert sich diese Politik auf die unendlichen Kombinationen verschiedener Formen der Unterdrückung und „Privilegien“, die jede einzelne Person erlebt, und argumentiert deshalb, wir hätten alle verschiedene Interessen. Die Idee von Kollektivität und Solidarität über Spaltungslinien hinweg und einem gemeinsamen Kampf weicht dem Kampf zahlreicher Individuen oder gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander. Die letzte Station dieser Reise ist eine vollständig kommerzialisierte, von Politik und Konzernen übernommene Diversitätsstrategie von Inklusion und politischer Korrektheit, die in den letzten Jahren besonders in der Kulturindustrie bemerkbar wurde (und heute wieder von einem konservativeren Zeitgeist abgelöst wird, der sich durch die explizite Abarbeitung am woken Mainstream profiliert)
Der Werdegang dieser Politik zeigt gut auf, warum auch die CIA die damit zusammenhängenden Philosophien gerne sah: In der Konsequenz wird der Zusammenhalt in der Arbeiterklasse geschwächt und eine Weltanschauung entsteht, in der kein gemeinsames Interesse bestehen kann. Gelebter Antirassismus ist jedoch nicht nur abstrakter moralischer Support oder „Allyship“, sondern Ausdruck des Eigeninteresses aller, die Teil der Arbeiterklasse sind. Spaltung entlang von Herkunft, Geschlecht oder Alter werden mit diesen Anschauungen nicht überwunden – sie ist aber genau das, was die tatsächlichen Unterdrücker und Profiteure dieses Systems, die Konzernchefs, Bänker, Politiker usw. erreichen wollen.




