„eine echte Freundschaft lebt von Dingen, die mir als künstliche Intelligenz fehlen“

Das antwortet das KI-Sprachmodell Gemini von Google auf die Frage „Kannst du einen echten Freund ersetzen?“.

Trotzdem hat eine repräsentative Studie der Krankenkasse Pronova BKK im Frühjahr ergeben, dass über 40% der 18 bis 29-jährigen in Deutschland lieber mit einer KI „plaudern“, als mit Freunden und Familie. Sicherlich ist dieses Ergebnis abhängig vom Thema oder vom Problem und trotzdem ist nicht zu leugnen, dass wohl jeder von uns im Alltag immer häufiger auf KI-Sprachmodelle zurückgreift. Wie sich die voranschreitende Digitalisierung und KI auf Arbeit, Überwachung oder aber Krieg auswirkt und welche Monopole sich in diesem Zuge die Taschen füllen, haben wir in vergangenen Artikeln bereits angeschnitten. In diesem Text wollen wir gemeinsam der Frage nachgehen, was KI in anderen Bereichen macht: in der Kultur, mit unserem Denken, in unseren Köpfen.
Fast zwei von drei Personen in Deutschland nutzen generative KI wie ChatGPT, Claude oder aber auch DeepL im Alltag. Unter Jugendlichen erreicht diese Zahl sogar 91 Prozent. Am häufigsten werden diese Anwendungen dabei eingesetzt für Recherche und Informationssuche, gefolgt von Verfassen von Texten und Unterhaltung. Und viele verschiedene Alltagsmomente werden so spürbar einfacher. Anstatt zu googeln, sich durchzuklicken, Ergebnisse durchzulesen und evtl. sogar verschiedene Ergebnisse miteinander kombinieren zu müssen, um sich eine Frage oder Suche zu beantworten, wird unkompliziert die KI herangezogen. Tippfehler oder Grammatik werden korrigiert, Rechenaufgaben werden gelöst, der Reifenwechsel wird begleitet oder Einkaufslisten und passende Essenspläne mit den eigenen Ernährungswünschen werden erstellt. Doch immer häufiger hört es bei diesen technischen Aufgaben nicht mehr auf und die Frage, wie viel KI zu viel KI ist, drängt sich auf. Denn plötzlich landet auch ein MRT-Ergebnis in ChatGPT in Hoffnung auf eine erfolgreiche Selbstdiagnose, weil der nächste Arzttermin Monate entfernt ist. Von einer Diskussion oder einem Streit auf Whatsapp wird ein Screenshot hochgeladen, begleitet von der Frage „Was würdest du darauf antworten?“. Selbst philosophische und existenzielle Fragen, wie „„Was ist der Sinn des Lebens?“ werden laut statistischer Auswertung immer häufiger versucht mit oder durch KI zu beantworten. Ärzte, Therapeuten, Sozialberatung, Freunde, Familie, Nachhilfelehrer oder das eigene Denkvermögen sollen von Rechenzentren, die Wahrscheinlichkeiten berechnen und entsprechende Ergebnisse ausspucken ersetzt werden.
Warum die KI immer häufiger herhält, liegt für die meisten von uns auf der Hand oder lässt sich zumindest auf jeden Fall aus aktuellen Meldungen und Regierungserklärungen ablesen. Wenn gesamte Stadtteile bereits heute einen einzigen Kinderarzt haben, tausende Therapieplätze fehlen, immer weniger soziale oder kulturelle Angebote der Begegnung existieren und in diesen Bereichen trotzdem weiterhin beispiellose Kürzungen und Streichungen durchgeboxt werden, überrascht es nicht, dass Menschen sich alternative Lösungen suchen. Und man muss es auch nicht nur an diesen Extremfällen festmachen. Auch ein Studium, was kaum Raum bietet für persönliche Entfaltung und spannende Diskussionen, und in welchem Studierende unter zeitlichem und finanziellem Druck abgefertigt und ins Arbeitsleben katapultiert werden, lädt natürlich dazu ein, die Hausarbeit einfach mit Claude zu schreiben. Trotzdem oder gerade deswegen müssen wir aber verstehen, was diese Entwicklungen mit uns machen.
Die MIT Media Lab Studie „Your Brain on ChatGPT“ kann aktuell als die breiteste und fundierteste Untersuchung über die kognitiven Folgen von regelmäßiger Nutzung von KI-Sprachmodellen betrachtet werden. Darin werden drei Personengruppen mit den gleichen Denkaufgaben beauftragt: „Brain only“ (ohne Hilfsmittel), Suchmaschinen (Google) und KI-Sprachmodelle (ChatGPT). Probanden, die ChatGPT nutzten, zeigten bis zu 60% schwächere neuronale Vernetzung und Aktivität in Hirn-Regionen für komplexes Denken und Lern- und Gedächtnisprozesse verglichen mit den Suchmaschinen-Nutzern und der Gruppe ohne Hilfsmittel. Über 80 % der KI-Nutzer konnten sich nach dem Schreiben kaum an Details oder Zitate aus ihren eigenen Texten erinnern, was unterstreicht: Das Denken und die Verantwortung über die Ergebnisse wird abgegeben. Der eigene Anteil an dem Ergebnis beschränkt sich wirklich nur darauf, die gestellte Frage oder Aufforderung so treffsicher wie möglich zu formulieren, um Abweichungen oder Falschergebnisse zu vermeiden. Es braucht langfristige Beobachtungen, um sagen zu können, „KI macht das mit dem Denken und das nicht“ und trotzdem werfen diese nachweisbaren Unterschiede in der Hirnaktivität die Frage auf, wie die Entwicklung unserer Denkfähigkeit durch KI über längere ständige Nutzung hinweg beeinflusst wird.
Noch spannender wird es auf dem Feld der Kreativität, denn tatsächlich zeigen verschiedene Experimente, dass der Einsatz von KI teilweise einzeln betrachtet kreative Lösungen liefern kann, die die menschlichen übertreffen können. Auch Denkanstoße bei Schreibblockaden oder bei kreativer Ideenfindung haben die meisten von uns schon mal während eigener Prozesse erfahren. Und trotzdem zeichnet sich auch während dieser Beobachtungen ab, dass KI-Ergebnisse in ihrer Breite weit ähnlicher und damit weniger vielseitig sind als die menschlichen. Der Einsatz von KI homogenisiert also unsere gesellschaftliche Kreativität und davon sind eben auch Prompts von fortschrittlichen Köpfen nicht ausgenommen. Und dass das so ist, ergibt auch Sinn, wenn man sich vor Augen führt, wie KI arbeitet. Stellen wir ChatGPT eine Frage, passiert nämlich folgendes: Die KI scannt die vorhandenen Datenbanken, berechnet Wahrscheinlichkeiten darüber, welche Wörter in den Millionen von Texten aus der Vergangenheit auf die gestellte Frage gefolgt sind und letztendlich setzt sie Satzzeichen für Satzzeichen das Wort zusammen, das statisch gesehen am besten als Nächstes passt. Das Ergebnis wirkt intelligent, ist aber eben eine ausgefeilte Statistik. Nur ist diese Statistik eben nicht einfach neutral, die Daten, auf die gegriffen wird, werden sorgfälltig von den Herrschenden bereitgestellt. Ein virales Beispiel aus den vergangenen Wochen macht es deutlich: Wird die Google-KI gefragt, was man machen soll, wenn man alleine mit einem Türken in einem Raum ist, wird auf den Polizei-Notruf und Fluchtwege verwiesen. Bei der gleichen Frage zu Engländern heißt es, Briten seien höflich, zurückhaltend und trocken im Humor – man solle Smalltalk über das Wetter führen.
ChatGPT und co. greifen auf den kollektiven gesellschaftlichen Wissensspeicher zurück und sortiert diesen in der Ausgabe neu. Es passiert also die digitale Reproduktion von dem, was in der echten Welt tatsächlich passiert. Doch während wir in der echten Welt sehen und erkennen können, wie sich die Klassenwidersprüche ausdrücken, wie sich bürgerliche und sozialistische Ideologie gegenseitig ausschließend bekämpfen, betreten wir mit KI-Sprachmodellen einen vorgefilterten Raum. Denn was die KI überhaupt ausspucken kann, darüber entscheidet, wer die KI in der Hand hat. Mit diesem Wissen müssen wir Anwendungen wie ChatGPT nutzen bzw. nicht nutzen. Besonders weil sie eben nicht intelligent sind, denn dafür braucht es ein Bewusstsein, welches sich nur in Wechselwirkung mit dem eigenen Einwirken auf die Außenwelt entwickeln kann – kein Chatbot kann dies tun und sollte uns darüber hinaus dabei im Weg stehen, diese Fähigkeit voll und ganz einzusetzen.

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