PISA-Schock – und schon wieder vergessen

Gedanken einer Lehrerin zur PISA-Studie

Wenn die PISA-Ergebnisse veröffentlicht werden, wird es kurz still: Deutschland schneidet (mal wieder) mit einem Ergebnis ab, das so schlecht ist wie noch nie, noch schlechter als der erste PISA-Schock vor 20 Jahren. Kurz wird über die Mängel unseres Bildungssystems gesprochen- um dann schnell wieder zu vergessen.

Wer in einer Schule arbeitet, kann über das Ergebnis eigentlich kaum verwundert sein. Die Schulen, in denen ich bisher gearbeitet habe, sehen genau so aus, wie die, in der ich zur Schule gegangen bin. Ganz normal, dass die Bibliothek wegen Schimmel nicht genutzt werden kann, die Materialkosten steigen und wenn für unsere Grundschüler Fahrzeuge für die Pause gekauft werden sollen, dafür Anträge an Stiftungen gestellt werden müssen, denn Geld gibt es dafür nicht. In Hamburg wurde zu Beginn dieses Schuljahres bei den Schulbegleitungen gekürzt und für viele Schüler mit Förderbedarfen fällt die Unterstützung weg, die den Schulbesuch möglich macht – und das plant die Bundesregierung jetzt auch für ganz Deutschland. Für Lehrkräfte bedeutet das konkret, dass wir noch weniger als ohnehin schon wirklich auf die einzelnen Schüler eingehen können oder überhaupt mitbekommen, auf welchem Stand sie gerade sind.
Im selben Atemzug dieser Kürzung wurde die Wochenarbeitszeit von Beamten um eine Stunde erhöht, als wäre die Arbeitsbelastung von Lehrkräften mit Unterrichtsvorbereitungen, Konferenzen und Elterngesprächen nicht hoch genug. Dass es keine Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften gibt, spielt auch dann eine Rolle, wenn jetzt in Hamburg bis 2028 keine neuen Lehrkräfte eingestellt werden. Die Arbeitsbelastung erhöhen und nicht mehr Lehrkräfte einstellen, klingt nur allzu bekannt. Die 130 Milliarden Euro, die bundesweit in der Bildung fehlen zeigen klar: Wir steuern in eine Zukunft, in der nicht gesichert ist, dass wir jungen Menschen grundlegende Kompetenzen beibringen können. Und das zeigt PISA uns immer wieder: Es geht nicht um Bildungspläne, die sich in den einzelnen Bundesländern unterscheiden, sondern im Grunde soll Grundbildung abgefragt und vergleichbar gemacht werden. Und die Ergebnisse gehen steil nach unten. 2025 fehlen einem Drittel der Schüler Basiskompetenzen in Mathematik und Deutsch, einem Viertel in den Naturwissenschaften. Wie erschreckend das ist, zeigt sich vielleicht am deutlichsten an folgendem Beispiel: Längere Texte verstehen immer weniger Jugendliche – und das heißt auch, dass wichtige Briefe, Emails oder Nachrichten immer weniger jungen Menschen verständlich sind und sie dazu in der Lage sind, eigenständig die wichtigen Informationen zu verstehen.
Und klar, die Leistung geht bei allen Schülern insgesamt zurück, aber: Deutschland ist immer noch das Land, wo der Bildungserfolg vom Elternhaus abhängt. Und erstaunlicherweise stellt die Bildungsministerin Karin Prien (CDU) fest, dass Eltern in Deutschland Bildung „einfach nicht so wichtig“ finden. Die Ministerin, deren Partei gerade dafür sorgt, dass die Eltern meiner Schüler noch mehr arbeiten müssen und damit weniger Zeit als ohnehin schon mit ihren Kindern verbringen zu können. Die Ministerin, die von verpflichtenden Deutschtests spricht, um die Diskussion wieder in Richtung Migration zu verschieben. Samuel Greiff, der nationale PISA-Studienleiter hob deutlich hervor, dass die Trennlinie zwischen Schülern aus privilegierteren und benachteiligteren Lebenslagen verlaufe, nicht zwischen der ethnischen Herkunft.

Die Forderung der Bildungsgewerkschaft GEW, das „gesamte Schulwesen“ auf den „Prüfstand“ zu stellen, ist keine Übertreibung, sondern dringend notwendig. Weil weniger Gelder für die Nachmittagsbetreuung da sind, sind wir ab diesem Schuljahr meistens allein für eine Klasse verantwortlich. Nach einem anstrengenden Nachmittag standen meine Kollegin und ich vor der Turnhalle und dachten beide: Wahrscheinlich sind wir bald zu zweit oder zu dritt für hundert Schüler zuständig, die wir nur in der Halle betreuen können.
Meine Kolleginnen und ich geben unser Bestes, um die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg zu begleiten und zu fördern, damit sie eine gute Zeit in der Schule haben und Spaß am Lernen entwickeln. Aber bemühtes Personal allein reicht nicht aus, wenn in der Bildung immer weiter gekürzt wird.

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