Rekordvermögen und Rekordungleichheit

Während die Vermögen an den Börsen neue Rekordstände erreichen, bleibt für Milliarden Menschen vom weltweiten Reichtum kaum etwas übrig.

Der neue Vermögensbericht der Allianz zeichnet ein deutliches Bild: Das weltweite Finanzvermögen ist auf ein Rekordniveau gestiegen. Gleichzeitig gehören Hunger, Armut und der fehlende Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung für Millionen Menschen weiterhin zum Alltag.

Auch Deutschland bildet dabei keine Ausnahme. Während über Kürzungen und Einsparungen in nahezu allen sozialen Bereichen diskutiert wird, zeigen die vorliegenden Zahlen, wie ungleich Vermögen verteilt ist.

Ansturm auf die Börse

Nach Berechnungen der Allianz, eines der weltweit größten Versicherungsunternehmen, ist das Finanzvermögen privater Haushalte weltweit stark gestiegen. Der Boom an den Börsen ließ das weltweite Finanzvermögen im vergangenen Jahr auf Bruttobasis um 8,6 Prozent auf 268,4 Billionen Euro anwachsen.

Und der Anstieg könnte weitergehen: Die Ökonomen der Allianz prognostizieren in der 17. Ausgabe ihres jährlichen „Global Wealth Report“ für dieses Jahr ein weiteres Wachstum des Finanzvermögens um 9 Prozent.

Doch wohin fließt dieses Geld?

Ein wesentlicher Teil des Vermögenszuwachses entstand nicht durch Investitionen in die Produktion, sondern durch steigende Kurse an den Kapitalmärkten. Nach Angaben der Allianz stammten vier Fünftel des Vermögenszuwachses in den 57 untersuchten Ländern aus Wertsteigerungen an den Kapitalmärkten.

Allein auf die USA entfällt mehr als die Hälfte (51,4 Prozent) des weltweiten Wachstums der Finanzvermögen. Die vermögenden Nordamerikaner legten fast zwei Drittel (60,7 Prozent) ihres Finanzvermögens an der Börse an.

Deutschland: Weniger Dynamik, aber hunderte Milliarden mehr

Auch in Deutschland wächst das Vermögen weiter. Nach Angaben der Allianz haben Wertpapiere mit einem Anteil von 37,1 Prozent erstmals die Guthaben auf Bankkonten, darunter Sicht- und Termineinlagen, überholt.

Der Anteil der Wertpapiere liegt allerdings weiterhin deutlich unter dem internationalen Durchschnitt von 46,9 Prozent.

Das Bruttogeldvermögen in Deutschland stieg 2025 um 4,9 Prozent auf 9,9 Billionen Euro. Damit blieb das Wachstum deutlich hinter dem globalen Durchschnitt zurück. Auch gegenüber dem Vorjahr fiel die Entwicklung schwächer aus: 2024 hatte die Allianz noch ein Wachstum von 7,4 Prozent verzeichnet.

Doch selbst ein vergleichsweise geringer prozentualer Anstieg bedeutet bei einem Vermögen von fast zehn Billionen Euro gewaltige Summen.

485,1 Milliarden Euro betrug der Zuwachs allein in Deutschland.

Zum Vergleich: Diese Summe liegt in einer Größenordnung, die fast an den Bundeshaushalt heranreicht.

Inflation frisst einen Teil der Rendite auf

Doch nominale Rekordzahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.

Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz, weist darauf hin, dass auch die Inflation berücksichtigt werden müsse. Seit 2019 seien die nominalen Geldvermögen um 50 Prozent gestiegen. Real, also inflationsbereinigt, habe der Anstieg jedoch nur 23 Prozent betragen.

In Westeuropa fällt die reale Entwicklung noch schwächer aus. Dort liegen die realen Geldvermögen im Vergleich zu 2019 lediglich 0,5 Prozent höher. In Nordamerika beträgt der Anstieg 21 Prozent, in China 70 Prozent.

Auch nach Abzug der Schulden bleibt ein enormes Finanzvermögen bestehen. In den von der Allianz untersuchten Ländern, die zusammen 91 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und 72 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, belief sich das Nettofinanzvermögen Ende 2025 auf 211,5 Billionen Euro.

Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 10,1 Prozent.

Das Ausmaß der Armut

Während weltweit die Finanzvermögen wachsen, leben Milliarden Menschen weiterhin unter Bedingungen, die von Armut, Hunger und fehlender Grundversorgung geprägt sind.

Weltweit leiden schätzungsweise 645 bis 673 Millionen Menschen an Hunger. Das entspricht etwa 8 bis 9 Prozent der Weltbevölkerung – ungefähr einem von zwölf Menschen.
Nach Angaben der Weltbank leben etwa 700 bis 831 Millionen Menschen in extremer Armut und verfügen über ein tägliches Einkommen von etwa 2 Euro.
Rund 2,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sicherem und sauberem Trinkwasser. Das entspricht etwa einem Viertel der Weltbevölkerung.
Weltweit haben etwa 4,5 bis 4,6 Milliarden Menschen keinen oder nur unzureichenden Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung. Das entspricht mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung.
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen verfügen weltweit etwa 1,2 Milliarden Menschen über keine angemessene oder dauerhafte Unterkunft. Sie leben in informellen Siedlungen, Slums oder sind vollständig obdachlos.
Nach Berechnungen des „Allianz Global Wealth Report“ verfügen weltweit fast drei Milliarden Menschen über so gut wie kein Nettofinanzvermögen.

Wem gehört der Reichtum?

Die entscheidende Frage ist jedoch nicht nur, wie groß das Vermögen ist, sondern auch, wem es gehört.

Die Unterschiede zwischen den Ländern sind erheblich. Die USA liegen mit einem Netto-Geldvermögen von umgerechnet 296.950 Euro pro Kopf an der Spitze der Rangliste. Es folgen die Schweiz mit 275.980 Euro und Dänemark mit 197.510 Euro.

Deutschland liegt mit 91.780 Euro pro Kopf auf Platz 12 der 57 untersuchten Länder.

Am Ende der Rangliste steht Pakistan mit einem Netto-Geldvermögen von lediglich 490 Euro pro Kopf.

Noch deutlicher wird die Ungleichheit beim Blick auf die Verteilung innerhalb der einzelnen Länder.

In Deutschland besitzt das reichste Zehntel der Bevölkerung nach Angaben der Allianz mehr als die Hälfte – 53,7 Prozent – des gesamten Nettofinanzvermögens.

Gleichzeitig verfügen nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) etwa 28 bis 40 Prozent der Menschen in Deutschland praktisch über kein nennenswertes Nettovermögen oder sind sogar verschuldet.

Die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt demnach lediglich etwa 0,5 bis 1,3 Prozent des gesamten Nettovermögens.

Weltweit ist der Reichtum noch stärker konzentriert

Weltweit zeigt sich ein ähnliches Bild – in noch größerem Ausmaß.

Die reichsten 10 Prozent halten nach den Angaben des Berichts 85,4 Prozent des Gesamtvermögens.

Auf der anderen Seite stehen fast drei Milliarden Menschen aus der in die Analyse einbezogenen Weltbevölkerung, die laut den Daten der Allianz praktisch über kein Nettofinanzvermögen verfügen.

Damit stehen sich zwei Entwicklungen gegenüber: Auf der einen Seite wächst das weltweite Finanzvermögen auf Rekordniveau. Auf der anderen Seite verfügt ein großer Teil der Weltbevölkerung kaum über finanzielle Rücklagen.

Rekordvermögen und Rekordungleichheit gehören damit im vorliegenden Datenbild zusammen.

Quelle: „Allianz Global Wealth Report 2026“. Die Zusammenfassung des Berichts ist über eine entsprechende Suche im Internet abrufbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.