Die Strategie setzt auf die Aufrechterhaltung des Einflusses in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent, den Ausbau der Macht im indo-pazifischen Raum, eine stärkere Position in Asien sowie die Kontrolle von Energiequellen und Transportwegen im Nahen Osten.
Die Vorstellung, Trumps „America First“ stehe für eine Abkehr von imperialistischer Politik, verkennt den Zusammenhang von Innen- und Außenpolitik im Kapitalismus. Das Strategiedokument zeigt klar: Die USA ziehen sich nicht zurück, sondern passen ihre Instrumente an. Die NSS 2025 bündelt und systematisiert jene Linie, die Trump und J. D. Vance zuvor auf verschiedenen Plattformen bruchstückhaft formuliert hatten.
Bruch mit der neoliberalen Globalisierungspolitik
Die Strategie markiert einen bewussten Bruch mit der neoliberalen Globalisierungspolitik der Nach-Kalten-Kriegs-Ära. Dieser Bruch ist weder bloß ideologisch noch Ausdruck persönlicher Vorlieben Trumps, sondern Ergebnis veränderter Klasseninteressen. Die globale Öffnung und Neuorganisation der Produktion stärkten zwar lange Zeit das US-Kapital, führten im Inneren jedoch zu Deindustrialisierung, regionalen Ungleichheiten und sozialer Zersetzung.
Entscheidend ist: Globalisierung erzeugt aus Sicht des US-Kapitals keinen klaren Gewinn mehr, sondern stärkt geopolitische Rivalen – vor allem China. Diese Entwicklung hat Teile der US-Bourgeoisie in ein globalisierungskritisches Lager gedrängt.
Spaltung innerhalb der herrschenden Klasse – Verhältnis zu Russland und China
Seit 2016 verkörpert Trump einen Flügel der US-Bourgeoisie, der für eine Änderung der Konfrontationsstrategie steht: Spannungen mit Russland abbauen, Russland von China lösen und sich anschließend auf China konzentrieren. Demgegenüber steht der von Clinton, Biden und vielen europäischen Regierungen vertretene Ansatz, die Spannungen gleichzeitig sowohl mit Russland als auch mit China zu verschärfen und gegen beide einen kalten und, wenn nötig, auch heißen Krieg zu führen.
Die neue Sicherheitsstrategie folgt klar der ersten Logik. Auf die Frage, ob die USA beide Rivalen zugleich bekämpfen können, lautet die Antwort: Frieden mit Russland, um China effektiver entgegenzutreten. Entsprechend positiv fiel die Reaktion aus Moskau aus. Russland bezeichnete die neue Strategie als „weitgehend im Einklang mit den Ansichten Moskaus“. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, er hoffe, dass dieser strategische Wandel eine Garantie dafür darstelle, dass beide Länder gemeinsam an einer Lösung der Ukraine-Frage arbeiten könnten.
Die Konfrontation mit China macht den Kurswechsel am deutlichsten sichtbar. Obwohl die Hetze gegen China rhetorisch abgenommen hat, gilt sie als Beweis dafür, dass die Globalisierung gegen US-Interessen gewirkt hat. Es ist zu einem Konkurrenten herangewachsen, der die industrielle und technologische Vorherrschaft der USA herausfordert. Exportkontrollen, Investitionsprüfungen und Technologiebeschränkungen dienen daher nicht nur der „Sicherheit“, sondern der Korrektur globaler Machtverschiebungen. Die Strategie setzt auf den Aufbau eines neuen Klassenbündnisses aus Industrie-, Energie-, Rüstungs- und Technologiekapital. Die Betonung, die USA dürften „niemals bei grundlegenden Inputs, die für ihre Verteidigung oder Wirtschaft notwendig sind, von irgendeiner ausländischen Macht abhängig sein“ (S. 13), zeigt, dass die durch die Globalisierung entstandenen Abhängigkeitsverhältnisse nun als untragbar gelten. Die neue Ausrichtung lehnt den globalen Handel nicht grundsätzlich ab (und kann das auch nicht), ordnet ihn jedoch in einen hierarchischen Rahmen, der den strategischen Prioritäten des Staates noch stärker untergeordnet ist. Die Sicherheitsstrategie stellt die Profite amerikanischer Konzerne, den Zugang zu strategischen Ressourcen, technologische Dominanz (KI, Quantencomputing) und industrielle Kapazitäten explizit in den Mittelpunkt. „Nationale Sicherheit“ wird offen mit der Wettbewerbsfähigkeit des US-Kapitals gleichgesetzt. Diese Doktrin, die wirtschaftliche Sicherheit ins Zentrum stellt und strategische Konkurrenz offen anerkennt, gehört zu den klarsten politischen Ausdrucksformen der gegenwärtigen Widersprüche des Kapitalismus.
Naher Osten und Europa
Auch im Nahen Osten halten die USA an ihrer hegemonialen Rolle fest: Kontrolle über Energiequellen, Handelsrouten und die Sicherung Israels bleiben zentrale Ziele. „Die Energiequellen am Golf dürfen nicht in die Hände des Feindes fallen, die Straße von Hormus muss offenbleiben, das Rote Meer schiffbar bleiben, die Region darf kein Brut- oder Exportgebiet für Terror gegen US-Interessen sein und die Sicherheit Israels muss gewährleistet werden“, heißt es im Papier (S. 28). Daraus lässt sich schließen, dass die USA ihre militärischen, politischen oder diplomatischen Kapazitäten im Nahen Osten nicht reduzieren werden, auch wenn betont wird, dass der Nahe Osten nicht mehr der Hauptfokus sein wird. Denn durch die Schwächung Irans und den Krieg in Palästina hat der US-Imperialismus viele seiner Ziele in der Region bereits erreicht.
Zwar definiert die Strategie Europa weiterhin als Verbündeten, doch die Beziehung wird nicht länger über gemeinsame Werte oder Freihandel legitimiert, sondern über Kostenverteilung und konkreten wirtschaftlichen Nutzen. Das Dokument fordert von Europa ausdrücklich die Öffnung der Märkte für US-Waren und -Dienstleistungen (S. 27) und ergänzt dies durch die Betonung einer „fairen Behandlung amerikanischer Arbeitnehmer und Unternehmen“ (S. 27). Diese Verschiebung zeigt, dass Europa aus US-Sicht nicht länger ein strategisch gleichwertiger Partner ist, sondern ein ökonomischer und geopolitischer Raum, der unter Bedingungen globaler Konkurrenz neu definiert werden soll. In Bezug auf Europa warnt das Papier vor einem „möglichen Untergang der Zivilisation“ (S.25). Die Migrationspolitik der europäischen Staaten wird offen angeprangert und rechte Kräfte werden unterstützt. „[..] Der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien ist tatsächlich ein guter Grund für großen Optimismus“ (S.26), heißt es im Papier. All das bringt die bürgerlichen Parteien Europas und vor allem Deutschlands unter Zugzwang. Für die europäischen Bourgeoisien bedeutet das wachsenden Anpassungsdruck – mit absehbaren Folgen: Aufrüstung, Sozialabbau und verschärfte rechte Hetze in noch aggressiverem Maße.
Lateinamerika: Rückkehr zur offenen Gewaltpolitik
Der ökonomische Schwerpunkt der Strategie liegt darauf, Regionen zu priorisieren, die der eigenen Industrie nützen, und jene „über Bord zu werfen“, die als Belastung gelten. Eine dieser Regionen ist der amerikanische Kontinent, insbesondere Lateinamerika, da er die für die industrielle Produktion benötigten Bodenschätze und Rohstoffe liefert und zugleich einen Absatzmarkt für verarbeitete US-Produkte darstellt. Trump hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er an Venezuelas Ölressourcen, an Kanadas und Grönlands seltenen Erden sowie am Panamakanal interessiert ist.
Venezuela ist bereits militärisch eingekreist. Unter dem Vorwand des „Kriegs gegen Drogen“ ließ Trump über 120 unter venezolanischer Flagge fahrende Schiffe versenken. Eine US-Marineflotte wurde in der Karibik stationiert, begleitet von Kreuzern, Zerstörern, 1.200 Raketen, amphibischen und Versorgungsschiffen, einem nuklearfähigen U-Boot sowie einer bedeutenden Luftstreitkräfte-Konzentration. Trump erklärte Maduro zum „Narko-Terroristen“. Der von den USA selbst geschaffene Drogenhandel und die Massenmigration werden in diesem Prozess sowohl zur Anheizung des Nationalismus im Inland genutzt, um Unterstützung für die Politik der Trump-Regierung zu mobilisieren, als auch als Druckmittel in allen Verhandlungen mit lateinamerikanischen Staaten eingesetzt. Die USA werden ihre militärische Präsenz in Südamerika auch weiter ausbauen; um Chinas wachsenden Einfluss in Lateinamerika – von Handel über Diplomatie bis hin zu militärischer Ausbildung – zurückzudrängen, sollen vor allem Venezuela und Kuba, aber auch andere Länder der Region, durch Zwang, Bomben, Regimewechsel, Putschversuche, Erpressung, bilaterale Abkommen oder Marionettenregierungen in den Einflussbereich der USA gezogen werden. Dabei wird der US-Imperialismus die strategischen Ressourcen dieser Länder plündern und die Völker Lateinamerikas weiter ins Elend treiben.
Wie konsequent die Trump-Regierung an diesem Strategiedokument festhalten wird – und überhaupt festhalten kann –, wird nicht nur von den inneren Machtkämpfen innerhalb der herrschenden Klasse oder den Konflikten der Imperialisten untereinander abhängen. Entscheidend wird auch sein, ob die internationale Arbeiterklasse und die Völker der Welt dem imperialistischen Kriegskurs eine organisierte, antiimperialistische Gegenmacht entgegensetzen können.




