Wohin steuert die Forderungsdiskussion?

Die Unternehmen halten sich nicht zurück mit Forderungen an Politik und Beschäftigte - was ist mit uns?

Im Jahre 2024 erzielte die IG Metall einen Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie mit einer Laufzeit von 25 Monaten und einer durchschnittlichen Erhöhung der Entgelte von 2,35 Prozent. Zusätzlich wurde eine Einmalzahlung von 600 Euro vereinbart und für die Azubis und dual Studierenden gab es 140 Euro dauerhaft mehr, was für das erste Ausbildungsjahr in einigen Regionen bis zu 15 Prozent mehr Ausbildungsvergütung bedeutete. Große Teile der IG Metall Jugend hatten mit ihrer kämpferischen Haltung gezeigt, was in Tarifrunden möglich ist, wenn man sich konsequent in die Diskussionen und Kämpfe mit einbringt. Es war ein beispielhafter Kampf, von dem wir auch für die diesjährige Tarifrunde lernen können. Damals wollte die IG Metall schnell zu einem Abschluss kommen und startete schon mitten in der Tarifrunde die Diskussionen um den Standort Deutschland und die Forderung nach einer Industriepolitik.

Die 25 Monate Laufzeit sind fast vorbei und erneut befinden wir uns mitten in der Forderungsfindung der Metall- und Elektroindustrie. Doch bevor überhaupt eine Diskussion aus den Betrieben entstehen konnte, preschen die Bezirksleiter aus Küste und NRW und die Vorsitzende Christiane Benner in einem Gespräch mit der Zeit und mit der WirtschaftsWoche vor. Daniel Friedrich, Bezirksleiter von Küste, schlägt einen Gehaltsaufschlag für Beschäftigte von Unternehmen mit guten Umsätzen vor. Denn die Autokonzerne und Zulieferer würden unter Druck stehen. Gleichzeitig würden Rüstungsbetriebe, Medizintechnik und weitere Bereiche aber sehr gut verdienen. Knut Giesler, Bezirksleiter von Nordrhein Westphalen, sagt: „Denkbar wäre, das T-Geld zu erhöhen, wenn ein Betrieb eine bestimmte Umsatzrendite erwirtschaftet.“ Das Transformationsgeld ist eine jährliche tarifliche Sonderzahlung in der Metall- und Elektroindustrie. Damit greift man demokratischen Diskussionen und Beschlüssen vor. Benner führt gegenüber der WirtschaftsWoche folgendes aus: „Flexible Instrumente, die die wirtschaftliche Situation berücksichtigen, sind keine Revolution. Sie sind Bestandteil einer differenzierten Tarifpolitik – und es hat sie in der Vergangenheit auch schon gegeben.“

Der Gedanke ist jedoch nicht nur von Friedrich, Giesler und Benner persönlich sondern vom IG Metall Vorstand. Dieser schaltete im Juni 2026 die Tarifkommissionen aller Bezirke zusammen, um die Diskussion rund um die Forderung in der Tarifrunde zu starten. In einem ausführlichen wirtschaftlichen und politischen Referat fasste Sebastian Dullien, Chefökonom des gewerkschaftlichen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturpolitik der Hans-Böckler-Stiftung, zusammen, vor welchen Herausforderungen das deutsche Kapital steht. Zur Situation der Metall- und Elektroindustrie erklärte er, dass die Branche sehr verschieden aufgestellt sei. Es brauche in dieser Tarifrunde differenzierte Lösungen. Alle weiteren Referate sowohl von der Vorsitzenden Christiane Benner, als auch des Tarifvorstandsmitglieds Nadine Bugowslawski unterstrichen die Bedeutung einer differenzierten Lösung in dieser Tarifrunde.

Drohen uns neue Abkommen, die unsere Errungenschaften weiter durchlöchern?

Bugowslawski macht neben dem Gehaltsaufschlag bei gut laufenden Betrieben auch das Pforzheimer Abkommen auf und fragt in die Runde, ob das Pforzheimer Abkommen in seiner aktuellen Fassung genüge. Dieser Tarifvertrag erlaubt es den Unternehmen tarifvertragliche Leistungen für eine gewisse Zeit zu unterschreiten. Heißt: Beschäftigte in Betrieben, denen es „nicht so gut geht“ geben beispielsweise für eine gewisse Zeit Urlaubs- und Weihnachtsgeld ab und/oder verzichten auf Lohnerhöhungen. Auch beim oben genannten T-Zug gibt es Regelungen, die Unternehmen die Möglichkeit bieten, die Sonderzahlung einzukassieren, nämlich wenn die Nettoumsatzrendite unter 2,3 Prozent fällt. Mit der Eröffnung dieser Diskussionen wird es darum gehen, welche Möglichkeiten noch geschaffen werden können, um für „Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Situationen“ Abhilfe zu schaffen. Kurz gesagt: es drohen neue Abkommen, die unsere Errungenschaften weiter durchlöchern und an die Gewinnererwartungen der Unternehmen koppeln.

Um was geht es eigentlich in Tarifrunden?

Häufig werden Forderungsdebatten entlang der wirtschaftlichen Situation einer Branche und ihrer Unternehmen geführt, dabei geht es doch garnicht um die Absicherung der Gewinne der Unternehmen, sondern um unsere berechtigten Forderungen. So ist die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens eine der ersten Fragen in der Beschäftigtenbefragung der IG Metall, die einen Auftakt der Forderungsdiskussion bilden soll. Nach der wirtschaftlichen Situation der Beschäftigten wird allerdings nicht gefragt. Doch warum sollten wir verzichten, wenn Volkswagen sein Ziel von 12 Milliarden nicht erreicht, sondern nur 5 Milliarden Gewinn macht?

Auch gewerkschaftliche Demokratie muss sich in Tarifrunden erkämpft werden

Wenn wir mit der Forderungsdiskussion in die anstehende Tarifrunde starten, dann muss uns auch klar sein: Tarifkämpfe leben davon, dass die Belegschaft beteiligt wird an der Forderungsdiskussion, um in der Hochphase der Tarifrunde, in den Arbeitskämpfen, eben auch entsprechenden Rückhalt für die Forderung zu genießen. Doch die Beschäftigtenbefragung und auch die Äußerungen der zwei Bezirksleiter und der Vorsitzenden gegenüber der Presse zeigen aktuell ein anderes Bild der IG Metall. Es ist ein Bild einer Organisation, deren Spitzenfunktionäre sich nicht um ihre demokratischen Gremien, wie Tarifkommissionen und Vertrauensleute, scheren, sondern die Tarifrunde in der Organisation von oben, also dem IG Metall Vorstand, nach unten, also den Vertrauensleuten, durchdrücken. Und dieses Bild lässt sich auch in der Beschäftigtenbefragung weiter zeichnen: Während in der letzten Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie zumindest noch in der Beschäftigtenbefragung tatsächlich zwischen vorgegebenen Spannen einer Prozentforderung ausgewählt werden konnte. Ist es diesmal so, dass nur noch ausgewählt werden kann zwischen „kräftige“, „moderate“, „kleine“ und „keine“ Entgelterhöhung. Das bedeutet auch, dass die Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung in jegliche Richtung interpretierbar sind und eben keinen wirklichen Einblick in die Betriebe und Gedanken der Kollegen gibt. Um aus einer Scheinbeteiligung echte Diskussionen und tatsächliche Beteiligung zu erschaffen, sind kämpferische Kollegen gefragt, die sich einbringen und ein solches Vorgehen kritisieren.
Doch das Bild ist nicht vollständig so, denn während auf der einen Seite Beteiligung versucht wird zu verhindern und Diskussionen vorwegzunehmen, gibt es auch die andere Seite der IG Metall. Vor allem im Jugendbereich gehen die Diskussionen in die entgegengesetzte Richtung. Engagierte Gewerkschaftssekretäre und Jugendvertreter bereiten sich darauf vor, in verschiedenen Betrieben sogenannte Tarifbotschafter zu wählen. Diese sollen nach jeder Verhandlungsrunde durch ihre Ausbildungsgruppe laufen und abfragen, was die jungen Kollegen vom aktuellen Verhandlungsstand halten. Dabei steht die zentrale Frage im Raum: Sind wir damit zufrieden und würden den Verhandlungsstand als Tarifabschluss annehmen oder nicht und lieber weiterkämpfen? Die Ergebnisse dieser Abfrage sollen den Tarifkommissionsmitgliedern Orientierung und Rückhalt in den Diskussionen geben. Das mag nicht alle Probleme in der Tarifpolitik lösen, doch ist ein erster Schritt in die richtige Richtung: Die Demokratisierung der Tarifrunde.

Doch die Forderungsdiskussion ist noch nicht vorbei, sondern beginnt erst jetzt so richtig. Am 23.09 beschließt der IG Metall Vorstand die Forderung für die Tarifrunde, die zuvor in den Tarifkommissionen diskutiert und beschlossen wird. Das heißt wir haben jetzt noch die Möglichkeit, die Diskussionen in den Vertrauensleutesitzungen, in der Jugendversammlung, in den Abteilungen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu führen und dabei ein Bild zu bekommen welche Forderung es braucht. Auf den Vertrauensleutesitzungen sollten wir allerdings nicht nur diskutieren, denn sie sind das gewerkschaftliche Gremium der IG Metall im Betrieb. Hier bietet sich auch die Möglichkeit, sich als gesamtes Vertrauensleutegremium in die Diskussion mit einem Beschluss einzubringen und zu veröffentlichen. Damit im besten Fall weitere Betriebe nachziehen können und wir über die Betreibe hinweg eine Forderungsdiskussion führen können.

Die Unternehmen, vor allem in der Metall- und Elektroindustrie, halten sich nicht zurück mit Forderungen an Politik und Beschäftigte. Nun ist die Zeit, um den Unternehmen, aber auch dieser Politik eine Absage zu erteilen. Dafür ist es notwendig sich in dieser Tarifrunde einzubringen und für die Forderungen zu kämpfen.