Nach Mutmaßungen wurde erstmals bekanntgegeben, dass Rheinmetall das Alstom-Lokomotivwerk übernehmen will, um seine Panzerproduktion am Standort auszuweiten. Gleichzeitig fand am Flughafen Kassel-Calden eine gemeinsame Pressekonferenz des hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) statt, welche mit dem Rheinmetall-Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger eine Absichtserklärung zur militärischen Umwandlung des Flughafens unterzeichneten.
Zunächst zum Flughafen
Der Flughafen in Kassel ist in den letzten Jahren, wenn überhaupt mal in der Presse vorgekommen, als mal wieder darüber berichtete wurde, dass er negative Zahlen schreibt. Etwas über 5 Millionen Euro wurden jedes Jahr dafür zugesteuert, dass ein paar Unternehmer mit ihren Privatjets aufsteigen konnten und ein paar Urlaubsflieger direkt aus Nordhessen starten durften. Auch schon vor den im Rahmen der Coronapandemie zurückgegangenen Passagierzahlen war das kein lukratives Geschäft und danach ging, es dann so richtig bergab. Doch wie die Herren Minister verkündeten, gibt es für all diese Niedergangserscheinungen eine Lösung: Aufrüsten! Und genau dafür will das Land neben den 260 Millionen € von Rheinmetall, 25 Millionen € zur Verfügung stellen, während es für das zigfache durch die Streichung von sozialindizierten Lehrerstellen und an den Hochschulen um etwa 25% kürzt. Und da soll nochmal einer behaupten Aufrüstung würde ja den Landeshaushalt nicht betreffen!
1000 neue Arbeitsplätze sollen in Kassel und dem Ort Calden, wo der Flughafen liegt, entstehen, sogar 130 am Flughafen selbst. Ein wahrhafter „Booster für Investitionen, Innovationen und Wachstum in der Region“, wie der Ministerpräsident erklärt. Schon heute arbeiten bei Rheinmetall in der Panzerfertigung in Kassel über 2000 Menschen und auch dort soll expandiert werden, wie im nachfolgenden Teil erklärt wird.
Am Flughafen soll es um Bürokomplexe, ein Schulungszentrum mit 1200 Quadratmetern Fläche zur Aus-, Fort- und Weiterbildung von Fachkräften aus dem gesamten Rheinmetall-Konzern und ein Drohnen-Testzentrum gehen. Schon heute ist im Krieg in der Ukraine ersichtlich wie stark der Einfluss von Drohnen bei der modernen Kriegsführung zugenommen hat. Dementsprechend expandiert der deutsche Militarismus auch in diese Richtung, um auch dort im Wettrüsten seine Konkurrenten zu übertreffen.
Beim Lokomotivwerk gibt es schon länger Übernahmepläne
Nachdem 2021 die Übernahme von Bombardiere Transport durch Alstom abgeschlossen wurde, findet eine Umstrukturierung der Produktion von Schienenfahrzeugen auf dem europäischen Markt statt. Sowohl seitens der EU-Wettbewerbskommission, die die Gewichtung der verschiedenen Konzerne zur Verhinderung der Etablierung eines Trusts beeinflusste, als auch den Konzernen selbst, die nicht unabhängig, sondern als Treiber der voranschreitenden Militarisierung agieren.
Nachdem in den 1990er Jahren die Entwicklung von neuen Lokomotivbaureihen durch die verschiedenen Staatsbahnen nicht mehr in enger Kooperation mit den jeweiligen nationalen Konzernen geschehen ist, weil sie in private Unternehmen verwandelt wurden, hat sich die Dominanz einiger weniger Produzenten für Schienenfahrzeugen auf dem europäischen Markt deutlich ausgeweitet. Im Wesentlichen hat sich seit der Jahrtausendwende ein Duopol im europäischen Lokomotivbau durchgesetzt. Die Konzerne Siemens und Adtranz, einem Zusammenschluss von ABB und Daimler-Benz, welcher 2001 an Bombardier und schließlich 2021 an Alstom verkauft wurde, beherrschen den Markt. Die durch die EU durchgesetzte Wettbewerbsöffnung hat also konkret dem deutschen Kapital verholfen eine Vormachtstellung auf dem europäischen Lokomotivbaumarkt zu erreichen.
Die Lokomotivproduktion der durch ABB entwickelten Typen der sogenannten „Traxx“ Baureihen, die nun von Alstom im Vorzug zu deren französischen Entwicklungen der „Prima“ Serie weiter produziert werden, geriet im letzten Jahrzehnt im Vergleich zum Hauptkonkurrent Siemens auf dem europäischen Markt zunehmend ins Hintertreffen. Seitdem Alstom Bombardier übernommen hat, werden Schritte unternommen, um dem entgegenzuwirken. Der Standort in Kassel wurde saniert, wofür die Belegschaft durch den sozialpartnerschaftlichen Tarifvertrag über den Tisch gezogen sogar auf einen Teil ihrer Bonuszahlungen verzichtete, soll die Produktion der Lokomotiven nun mehr nach Polen und Italien verlagert werden, um die Kosten zu minimieren. Doch heute gefährden nicht nur die Übernahmen unter den Konzernen selbst die Kollegen, sondern Kriegstreiber stehen zunehmend vor den Toren verschiedener Industriekonzerne.
Die Zukunft für die etwa 800 Kollege zählende Belegschaft in Kassel ist ungewiss. Doch bei einem Blick nach Görlitz zeichnet sich ab in welche Richtung das Ganze geht. Im Oktober 2024 wurde bekannt, dass der Wagonbaustandort in der östlichsten Stadt Deutschlands vom Rüstungskonzern KNDS (ehemals Krauss-Maffei Wegmann) übernommen wird, welcher ab diesem Jahr die Produktion von Baugruppen für Leopard 2, Puma und Boxer Panzerfahrzeuge durchführt. In Nordhessen dementierte KNDS im Mai 2025 an einer Übernahme interessiert zu sein, schon heute betreibt der Rüstungskonzern in der Kassel drei Werke. Auch Rheinmetall betreibt schon heute in direkter Nachbarschaft zum Lokomotivwerk eine der größten Panzerwerke Europas. Beide Rüstungskonzerne seien grundsätzlich auf der Suche nach neuen Werken und Logistikflächen. Die Errichtung neuer Werke würde aktuelle zu lange dauern. Kassel ist schon seit der Industrialisierung ein für die Rüstungsindustrie bedeutender Standort. Während des zweiten Weltkrieges hat das zu schwerer Zerstörung geführt. Die Betriebe lagen in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt, was zur starken Zerstörung sowie Tod und Elend unter der Zivilbevölkerung durch Bombenangriffe geführt hat.
Bei der Belegschaft lösen die Verkaufspläne eine große Unsicherheit aus. Der Betriebsrat stellt sich gegen den Verkauf und weist auf die jüngst getätigten „Kompromisse“ zur Modernisierung des Werkes hin. Monatelang führte die Konzernleitung vertrauliche Gespräche mit einem nicht benannten Unternehmen. Am 27.08 wurde es dann schließlich erstmals öffentlich, dass Rheinmetall die Übernahme plant. In den nächsten vier Wochen soll eine Lösung gefunden werden. Betriebsrat und IG Metall kündigten im Gespräch mit dem lokalen Pressen an Protest gegen die mögliche Übernahme des Standortes mit seinen 900 Beschäftigten aufzunehmen.
Schon heute bildet sich etwa bei einem Teil der Kollegen von VW im unmittelbar an Kassel angrenzenden Baunatal eine oppositionelle Haltung zum Kriegskurs. Mit der Losung „Wir wollen bei VW nicht für den Tod produzieren!“ setzten sie beim diesjährigen ersten Mai ein starkes Zeichen gegen den zunehmenden Einfluss der Rüstungsproduktion, der für die Arbeiter in aller Welt zu nichts weiterem als Zerstörung und Elend führen wird. Gerade jetzt gilt es diese Kämpfe zusammenzuführen und eine Schlagkraft, die über die einzelnen Betriebe hinauswirkt zu etablieren. Initiativen wie IG Metaller gegen Rüstungsproduktion und fortschrittliche Resolutionen wie die aus Untertürkheim sind dafür ein wichtiges Werkzeug, welches es gilt unter die Kollegen zu bringen. Doch genauso zählt auch die Präsenz der Gewerkschaften bei wichtigen Tagen der Friedensbewegung wie dem kommenden 01.09 dazu.




