Von UMUT YAŞAR
Mercedes-Chef Ola Källenius und Produktionsleiter Michael Schiebe behaupten, eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit in allen Mercedes-Werken sei unvermeidlich. Die Konzernchefs, die die Stundenlöhne der Arbeiter in Deutschland als „viel zu hoch“ bezeichnen, drohen den Arbeitern: „Wenn wir die Lohnkosten nicht senken, werden die Folgen sehr schwerwiegend sein.“
Der Vorsitzende des Aufsichtsrats des Konzerns, Martin Brudermüller, hatte bereits im vergangenen Juni gefordert, die wöchentliche Arbeitszeit ohne Lohnausgleich auf 40 Stunden anzuheben. Brudermüller hatte den Angriff auf die Arbeiter angekündigt und erklärt: „Die 35-Stunden-Ära in der Industrie muss der Vergangenheit angehören. Wenn die Kosten nicht sinken, sind die Arbeitsplätze in Gefahr.“
Die Mercedes-Chefs behaupten gegenüber den Beschäftigten: „Die Löhne bleiben gleich, es wird nur etwas länger gearbeitet.“ Doch damit wird der geplante Lohnraub verschleiert. Wenn heute gefordert wird, dass der Lohn, der derzeit für eine 35-Stunden-Woche gezahlt wird, künftig für 40 Stunden gezahlt werden soll, bedeutet dies, dass fünf Stunden ohne Lohnvergütung – oder, mit anderen Worten, umsonst – gearbeitet werden müssen.
MERCEDES = GEWINNMASCHINE
Das Problem liegt weder darin, dass die Löhne der Arbeiter zu hoch sind, noch darin, dass sie nicht ausreichend lange arbeiten, wie es die Konzernleitung behauptet. Das eigentliche Problem liegt im immer härter werdenden Wettbewerb auf dem Automobilmarkt und in der exzessiven Profitgier der Konzerne.
Ein Blick auf die Bilanzen von Mercedes der vergangenen fünf Jahre (sh. Grafik) macht dies deutlich. In Zeiten steigender Autoverkäufe sind sowohl die Gewinnmarge als auch die Gewinnsumme extrem angestiegen. Gleichzeitig wurde in denselben Jahren die Ausschüttung von Gewinnanteilen an die Aktionäre stets auf einem hohen Niveau gehalten. In den Jahren, in denen die Gewinnausschüttung an die Aktionäre nicht ausreichte, wurden „Aktienrückkaufprogramme“ durchgeführt, um den Aktionären zusätzliche Einnahmen zu verschaffen. Wie man sieht, steht Mercedes keineswegs kurz vor dem Bankrott, sondern ist vielmehr ein Monopolunternehmen, das wie eine regelrechte „Gewinnmaschine“ läuft!
Anstatt sich in dieser Situation bei den Arbeitern zu bedanken und ihre Löhne zu erhöhen, erpressen die Mercedes-Chefs die Arbeiter mit der Drohung: „Wenn die wöchentliche Arbeitszeit nicht verlängert wird, werden zwei Werke geschlossen!“
DIE ARBEITER SIND BEREIT ZUM KAMPF!
Bei einer Betriebsversammlung am 28. September protestierten die Arbeiter gegen die Angriffspläne der Konzernleitung. Auf die Fragen der vor Ort anwesenden Journalisten vor der Versammlung – „Was denkt ihr darüber?“ – antworteten Arbeiter: „In einer Zeit, in der Fabriken wegen Arbeitsmangels geschlossen und Arbeiter entlassen werden – wie soll die Verlängerung unserer Arbeitszeit dann unsere Arbeitsplätze sichern?“ Sie fügten hinzu: „Wenn wir jetzt nicht Widerstand leisten, werden sie die Fabriken tatsächlich schließen.“
Arbeiter wiesen zudem darauf hin, dass ständig von ihnen Zugeständnisse erwartet würden, und zeigten sich mit den Worten kampfbereit: „Sie sollen auf ihre Milliardengewinne und Millionengehälter verzichten – warum müssen immer nur wir Zugeständnisse machen?“
„EIN VW-MODELL FÜR MERCEDES?“
Seit Wochen zeigen die Mercedes-Arbeiter mit verschiedenen Aktionen, dass sie sich den Angriffen der Mercedes-Chefs nicht beugen wollen. Ihr Blick richtet sich auf die Gewerkschaft IG Metall und die Betriebsräte (BR) in den Werken. Bislang haben die Arbeiter auf alle Aufrufe der Gewerkschaft und der Betriebsräte positiv reagiert – niemand rechnet damit, dass sich diese Haltung in nächster Zeit ändern wird.
Das eigentliche Problem liegt in den anhaltenden Diskussionen innerhalb der IG Metall und des Gesamtbetriebsrats (GBR). Der GBR-Vorsitzende Ergün Lümali und sein Stellvertreter Michael Häberle (zugleich BR-Vorsitzender im Werk Untertürkheim) erklären in ihren Stellungnahmen gegenüber der Presse: „Wenn die Unternehmensleitung einen Plan vorlegt, der die Zukunft sichert, sind die Arbeiter bereit, ihren Teil dazu beizutragen!“
Lümali und Häberle schlagen eine Senkung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden vor. Allerdings nicht, wie es ein Gewerkschafter tun sollte, „bei vollem Lohn“! Dieser Vorschlag ist in Wirklichkeit genau derselbe wie der der Mercedes-Chefs – nur anders verpackt!
Dass die beiden behaupten, Beschäftigte seien „bereit, ihren Teil beizutragen“, ist ein weiteres Problem. Wie kommen sie überhaupt dazu, so was zu behaupten!
Andererseits führen Lümali und Häberle, die innerhalb der IG Metall Führungspositionen innehaben, diese Diskussion auch innerhalb der Gewerkschaft fort. Die Spitzenfunktionäre der IG Metall setzen auf das „VW-Modell für Mercedes“.
Mit diesem Modell wird nicht nur kein einziger Arbeitsplatz gesichert, sondern den Beschäftigten werden auch in großem Umfang Löhne gekürzt und die Arbeitszeiten so flexibel wie möglich gestaltet.
Nach der Betriebsversammlung äußerte sich Häberle gegenüber dem Fernsehsender SWR wie folgt: „Die Stimmung war so, wie man es sich in einer Situation vorstellen kann, in der das Unternehmen einem – sagen wir es mal so – letztlich die Pistole an die Brust hält. Einerseits müssen wir erhebliche Sparmaßnahmen akzeptieren, indem wir die Arbeitszeit unentgeltlich verlängern oder auf das Weihnachtsgeld beziehungsweise das Urlaubsgeld verzichten. Andererseits sind die Werke in Deutschland in Gefahr, wenn wir dies nicht tun.“
Auch wenn Häberle bereits die weiße Flagge gehisst hat, gibt es in Untertürkheim Hunderte kämpferischer Gewerkschafter, die in den vergangenen Wochen deutlich gemacht haben, was getan werden muss, um die Arbeitsplätze zu sichern und die Angriffe abzuwehren. Die Haltung dieser Gewerkschaftsvertreter wird auch den weiteren Verlauf bestimmen.




