Droht Deutschland die Deindustrialisierung?

150.000 Stellen sollen 2026 abgebaut werden - mit der Begründung, die Konkurrenzfähigkeit der Industrie zu sichern und die Deindustrialisierung Deutschlands zu verhindern. Aber stehen wir wirklich kurz vor der Deindustrialisierung Deutschlands? Oder sind wir bereits mittendrin?

Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges 2022 wähnt sich die deutsche Industrie in einer existenzbedrohenden Krise. Der rasante Anstieg der Energiepreise, verursacht durch den Wegfall günstiger russischer Gasimporte, brachte die deutschen Industrieunternehmen unter Druck. Zur gleichen Zeit veränderte sich auch die Wettbewerbssituation auf dem europäischen Markt. Im Jahr 2022 stieg der Gesamtwert der Importe aus China um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Folge: seit 2024 kündigten deutsche Industrieunternehmen die Streichung hunderttausender Arbeitsplätze an. Droht der deutschen Industrie unter diesen verschärften Bedingungen nun also das Aus? Stehen wir kurz vor der Deindustrialisierung Deutschlands? Oder sind wir bereits mittendrin?

Industrienation Deutschland in Gefahr?

Bei der Industrie handelt es sich um ein entscheidendes Standbein der deutschen Wirtschaft, das etwa ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Ein weiterer wichtiger Faktor dabei ist, dass Industrieerzeugnisse eine zentrale Rolle für die positive deutsche Außenhandelsbilanz spielen. Allein Kraftfahrzeuge (inklusive Kraftfahrzeugteilen), Maschinen und chemische Erzeugnisse machen fast 40% der deutschen Warenexporte aus. Die Konkurrenzfähigkeit des industriellen Sektors ist damit ein integraler Bestandteil der deutschen Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent, sowie weltweit. Nun ist diese Vormachtstellung durch den Anstieg der Produktionskosten und neue Wettbewerber, insbesondere aus China, bedroht. Mit milliardenschweren Zuschüssen und Entlastungen, wie beispielweise dem „Energiekostendämpfungsprogramm“ (EKDP), der drastischen Senkung der Stromsteuer oder Energiepreisdeckeln, eilte die Politik der deutschen Industrie zur Hilfe. Auch Maßnahmen wie Subventionen zur Modernisierung der Produktionsanlagen (siehe „Grüner Stahl“) sowie Schutzzölle wurden zur „Rettung der deutschen Industrie“ auf den Weg gebracht.
Doch damit nicht genug. Zur weiteren Steigerung der Gewinnrenditen und um mit den günstigen Produkten aus Fernost weiterhin konkurrieren zu können, sind die deutschen Industriekonzerne auf weitere Einsparungen bei den Produktionskosten angewiesen und so folgten seit 2024 zahllose Rationalisierungspläne, die den Abbau von hunderttausenden Arbeitsplätzen innerhalb weniger Jahre vorsehen. In fast allen deutschen Industrieunternehmen wurde der Rotstift an den Lohnstückkosten angesetzt, sodass – nach Angaben des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall – allein im Jahr 2026 bis zu 150.000 Stellen nur in der Metall-Elektroindustrie vernichtet werden könnten. Weitere 270.000 Arbeitsplätze sollen bereits seit 2018 vernichtet worden sein. Besonderer Beschleuniger dieser Entwicklung war die Ankündigung über den Abbau von 30.000 Stellen des Volkswagen-Konzerns im Frühling 2024. Viele weitere Industrie-Unternehmen zogen nach. Bosch streicht 22.000 Stellen, die Deutsche Post 8.000, Audi 7.500, DB Cargo über 6.000, SAP 10.000. Vor wenigen Wochen erhöht Volkswagen auf 50.000. Und wieder lässt auch die Politik nicht lange auf sich warten und stimmt in den Reigen der Unternehmensverbände ein. Ein umfangreicher Abbau von Sozialstaat und Arbeiterrechten soll die Lohnstückkosten weiter senken. Länger und flexibel nach den Bedürfnissen des Unternehmens arbeiten durch die Aufhebung des 8-Stunden-Tages, angeschlagen und krank arbeiten durch die Aufweichung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, mehr arbeiten durch die Abschaffung von Feiertagen und durch die Abschaffung des Rechts auf Teilzeit, Lohndumping durch härtere Auflagen und Sanktionen beim Bürgergeld und arbeiten selbst nach Renteneintritt durch die steuerbefreite „Aktivrente“.

Lohnstückkosten sind die Arbeitskosten (Löhne + Sozialabgaben), die für die Herstellung einer einzelnen Einheit eines Produkts oder einer Dienstleistung anfallen.

Dem Untergang geweiht?

Es besteht kein Zweifel: die Situation der deutschen Industrie ist angespannt. Was uns Arbeitgeberverbände und Politik jedoch als „existenzielle Krise“ und als Untergangsszenario zu verkaufen versuchen, ist der knallharte, typisch kapitalistische Verdrängungswettbewerb zwischen den international agierenden Konzernen. Während das deutsche Kapital zuvor fast zwei Jahrzehnte lang seine „unangetastete“ Vorherrschaft auf dem EU-Binnenmarkt behaupten und durch niedrige Energie- sowie Lohnstückkosten (günstiges russisches Gas und größter Niedriglohnsektor Europas) einen beträchtlichen Exportüberschuss zulasten der übrigen EU-Länder erwirtschaften konnte, kommt es nun dazu, dass diese Vorherrschaft in Frage gestellt wird. Allerdings ist dies kein „europäisches Phänomen“ bzw. kein rein „deutsches Problem“, wie sich an den Entwicklungen der letzten Jahre deutlich zeigt. Überall auf der Welt kommt es aufgrund des immer weiter abflachenden globalen Wirtschaftswachstums zu einer verschärften Konkurrenz zwischen den Kapitalisten verschiedener Konzerne und Länder. Die internationalen Märkte sind endlich und zunehmend erschöpft, sodass es für das Kapital immer schwieriger wird, gleichbleibende Profite durch den Absatz ihrer Waren zu realisieren. Die einzige Möglichkeit für weitere Expansion bzw. die Stabilisierung der Umsatzrenditen besteht darin, „gegnerische“ Marktanteile zu erobern. Das bedeutet Verdrängungs- und Unterbietungswettbewerb. Heute äußert sich dies in großen Teilen der Welt durch riesige Subventionspakte für die „einheimische“ Wirtschaft, durch Strafzölle, durch umfangreiche Angriffe auf die Arbeitsbedingungen der lohnabhängig Beschäftigten, durch tiefe Einschnitte in den Sozialstaat, aber auch durch die zunehmende militärische Aggressivität und Gewalt.
Die Situation der deutschen Industrie bietet davon keine Ausnahme. Vielmehr ist sie ein Paradebeispiel für diese allgemeinen Entwicklungen. Doch anders, als es uns die Unternehmensverbände glauben machen wollen, ist in dieser Situation nicht das Fortbestehen der deutschen Industrie insgesamt bedroht. Die deutsche Industrie fußt nach wie vor auf leistungsstarken und modernen Produktionsanlagen, gut ausgebildetem Fachpersonal sowie technologisch wettbewerbsfähigen Produkte. Auch wenn es mittlerweile in einigen Produktsegmenten- und sparten starke Konkurrenz insbesondere hinsichtlich der Preise gibt, bleiben deutsche Industrieerzeugnisse in Qualität und Technologie größtenteils international wettbewerbsfähig. Die besondere Situation allerdings: Deutschland sieht sich in seiner traditionell stärksten Branche, der Automobilindustrie, nicht mehr nur mit preislichem, sondern auch mit technologischem Konkurrenzdruck konfrontiert. Chinesische Wettbewerber haben es vor allem im Bereich der Elektromobilität geschafft, ihre deutschen Konkurrenten zu übertreffen und werden den deutschen Automobilkonzernen nun sogar auf „ihren eigenen Märkten“ (deutscher und europäischer Binnenmarkt) gefährlich. Doch eine solche Wettbewerbssituation zu einer „die gesamte Existenz gefährdenden Krise“ einer einzelnen Branche – geschweige denn der gesamten deutschen Industrie – hochzustilisieren, ist eine absurde Übertreibung und gezielte Panikmache. Natürlich bringt diese Situation deutsche Konzerne unter Druck. Bedroht sind dadurch jedoch im Wesentlichen nur die Profitraten des deutschen Industriekapitals.
Die Unternehmerverbände versuchen mithilfe einer künstlichen Hysterie, die Industrie in Deutschland als „Opfer aller Umstände“ zu markieren. „Zu hohe Energiekosten“, „zu hohe Modernisierungskosten“, „zu hohe Lohnstückkosten“, „zu wenig Produktivität“, „zu viel Bürokratie“, „zu viel Umweltschutz“, „zu schlechte Infrastruktur“, „zu wenig Fachkräfte“, „zu wenig staatliche Förderungen“, und so weiter und sofort. Die Liste ist endlos lang und folgt man den Untergangsszenarien der Konzernspitzen, dann droht Deutschland die massenhafte Abwanderung der Industrie und damit jeden Moment, auf den Stand eines Entwicklungslandes abzurutschen. „Die drittgrößte Volkswirtschaft – nur eine Haaresbreite vom totalen Zusammenbruch entfernt“, ist die Message. Doch wozu diese Gruselgeschichten?

Ängste schüren, Gewinne steigern

Die Deindustrialisierungs-Phantasien erfüllen einen wichtigen Zweck für die deutschen Industriekonzerne. Um unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen nicht den Anschluss zu verlieren, sind sie darauf angewiesen, in allererster Linie die Gewinnrenditen und Dividenden abzusichern, während gleichzeitig Produktions- und damit auch die Produktkosten gesenkt werden müssen. Zur Senkung der Produktionskosten kommen im Wesentlichen zwei Instrumente in Frage: erstens die Bezuschussung der Produktion durch staatliche Mittel (Subventionen, Steuersenkungen, etc.); zweitens die Senkung der Lohnstückkosten bzw. die verschärfte Ausbeutung der lohnabhängig Beschäftigten (Rationalisierung, Lohnkürzung, Entgrenzung der Arbeitszeit, etc.). Der Mythos der Deindustrialisierung bereitet den Boden für diese Maßnahmen, indem er unter der allgemeinen Bevölkerung und ganz besonders unter den betreffenden Beschäftigten eine ernsthafte Angst vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze schürt. Der Erhalt von vielen Millionen Arbeitsplätzen wird dadurch in einen scheinbaren Widerspruch zu Sozialstaat, Tarifverträgen und Arbeiterrechten gerückt. Dadurch versucht man nicht nur, die Bevölkerung zu erpressen, nach dem Motto: „Gib dies freiwillig ab, damit du jenes nicht verlierst.“ Man versucht mithilfe einer solchen Erzählung ebenfalls von einem Teil der Maßnahmen abzulenken, die letztendlich alle einen Einschnitt in den Lebensbedingungen der breiten Mehrheit bedeuten. Während sich die knapp 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eigentlich fragen müssten, warum sie zukünftig trotz steigender Produktivität und sich ständig entwickelnder Technologie selbst noch in der Rente weiterarbeiten sollen, lenkt man sie mit einer „Bedrohung von außen“ ab, die den „deutschen Wohlstand“ gefährdet. Doch nicht nur der gegnerische Wettbewerber sei schuld an der Misere, dass deutsche Konzerne nicht mehr „ungestört“ bei üppigen Margen ihre Waren quer durch Europa verschleudern können. Auch der Arbeiter trage eine Mitschuld und zwar in Form seiner diversen Privilegien, wie beispielsweise Tariflöhne, eine bezahlte Krankschreibung, eine maximale Tagesarbeitszeit und dergleichen mehr. So lautet die Message hinter den Klagegesängen des Industriekapitals.
Und tatsächlich erwies sich diese Taktik bislang als ziemlich erfolgreich. Getrieben durch die Angst, dass die deutsche Industrie jeden Moment ihre Pforten schließen und dem Land den Rücken kehren könnte, blieb es selbst im Angesicht von Werkschließungen und hunderttausendfachem Stellenabbau in der deutschen Industrie fast völlig still. Der Volkswagen-Konzern ist hier ein anschauliches Beispiel: Anfang 2024 kündigte der Konzern den Abbau von 30.000 Stellen sowie die zeitnahe Schließung von drei Werken an. Das Ziel: die Steigerung der Gewinnrendite von 3,5 auf 6,5 Prozent. Mit etwas weniger als 300.000 Beschäftigten entspricht das der Vernichtung von über 10% der konzernweiten Arbeitsplätze in Deutschland. Was in einem der am besten gewerkschaftlich organisierten Konzerne Deutschlands folgte waren zwei Warnstreiktage, an denen sich immerhin etwa 100.000 Kolleginnen und Kollegen beteiligten. Dann folgte bereits der Abschluss der Tarifverhandlungen zur Standort- und Beschäftigungssicherung. Das Mitte Dezember erzielte Ergebnis: keine betriebsbedingten Kündigungen, dafür aber der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen bis 2030, dazu Lohnverzicht und eine ungewisse Zukunft für mehrere Werke. Im Frühjahr 2026 kündigte der Konzern an, dass statt der vereinbarten 35.000 nun 50.000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. Widerstand? Fehlanzeige. Mit zwei Warnstreiktagen zahlte der VW-Konzern also für die Vernichtung von einem Sechstel der deutschlandweiten Arbeitsplätze und schaffte es obendrein noch, die Beschäftigten zum Verzicht auf Lohnerhöhungen und Urlaubsgeld zu nötigen. Doch damit ist VW kein Einzelfall. Der Verzicht auf Lohnbestandteile zur vermeintlichen Absicherung der Arbeitsplätze statt des gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampfes, zieht sich wie ein rotes Band durch deutsche Industriebetriebe. Bosch Bamberg, Alstom sowie ZF sind nur einige wenige weiter Beispiele für diesen „Trend“. Die Drohkulisse wirkt, denn bislang gibt es nur vereinzelte Beispiele, in denen sich Belegschaften durch kämpferische Aktionen und oder längere Streiks ernsthaft gegen die Rationalisierungspläne ihrer Arbeitgeber zur Wehr setzen. Zwei solcher Beispiele sind der Kampf der Kolleginnen und Kollegen am Bosch-Standort Waiblingen, sowie der Kampf der Jungheinrich-Beschäftigten in Lünebu

Schlecht geführt ist halb verloren

So wahr wie die Tatsache, dass die Kolleginnen und Kollegen vieler gut organisierter Industrieunternehmen kaum Widerstand gegen Werkschließungen und tausendfachen Stellenabbau leisten, so wahr ist auch die Tatsache, dass sie in dieser nervenaufreibenden Situation im Stich gelassen wurden. Denn die Gewerkschaften – allen voran die IG Metall, die den Großteil der betroffenen Betriebe in ihrem Organisationsgebiet vereint – wurden ihrer Verantwortung und Aufgabe nicht gerecht, eben solche Kämpfe zur Verbesserung oder Verteidigung der Arbeitsbedingungen zu initiieren und zu organisieren. Denn eine Gewerkschaft ist mehr als nur die Summe ihrer Mitglieder. Ihre Kernaufgabe ist die Organisierung des praktischen, wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterinnen und Arbeiter, unter Zuhilfenahme ihrer kollektiven und historischen Kampferfahrungen, sowie der sich daraus ableitbaren theoretischen Einsichten. Ihre Ausgabe ist es in einer solchen Situation vorbereitet zu sein, das heißt die Anzeichen früh genug erkannt zu haben, denn schließlich sitzen ranghohe Gewerkschafter in den Aufsichtsräten großer Unternehmen und werden dort frühzeitig über solche Absichten informiert. Ihre Aufgabe ist es auch, durch einen jahrzehntealten und branchenübergreifenden Erfahrungsschatz die Argumente und Narrative der Kapitalseite zu verstehen und die Arbeiterinnen und Arbeiter über Täuschungsmanöver und Tatsachenverdrehungen aufzuklären. Es ist die Aufgabe einer Gewerkschaft, alle verfügbaren Informationen und Sachmittel für eine vom Unternehmen unabhängige Meinungsbildung zur Verfügung zu stellen und unter den gegebenen Umständen den Weg zum bestmöglichen Ergebnis aufzuzeigen.
Stattdessen übernahmen allen voran Vertreter der IG Metall die Erzählung des Industriekapitals von einer „existenzbedrohenden Krise“ der deutschen Industrie. Oft reagieren diese Vertreter der Sozialpartnerschaft zwar empört und zornig auf derartige Vorstöße der Arbeitgeber. Nicht selten kündigen sie in solchen Momenten „erbitterten Widerstand“ an. Doch indem sie sich den Argumentationsmustern der Kapitalseite völlig unterwerfen und weiterhin die Interessensgemeinschaft von Beschäftigten und Unternehmen predigen, entziehen sie jeglichem „Widerstand“ den Boden. Auch wenn es wichtig ist, das Versagen der Gewerkschaften in dieser Situation klar zu benennen, darf dies nicht als Ausrede oder alleinige Rechtfertigung für den ausbleibenden Widerstand der Industriebelegschaften herhalten. Denn zum einen sind die Gewerkschaften des DGBs basisdemokratische Organisationen, was bedeutet, dass die zuständigen Tarifkommissionen, die über die Annahme von Verhandlungsergebnissen, die Aufnahme von Arbeitskampfmaßnahmen und so weiter entscheiden, alle durch die Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb bzw. durch die Vertrauensleute der Gewerkschaft im Betrieb gewählt werden. Es sind also Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben, die die Entscheidungen letztlich treffen. Sollten die Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb unzufrieden mit der durch sie (mit)gewählten Tarifkommission sein, so haben sie also die Möglichkeit, ihre Mandatsträger im Betrieb zur Rede zu stellen oder gegebenenfalls neu zu wählen. Zum anderen kann man sich nicht hinter der ausbleibenden Aktivität der Gewerkschaft im Betrieb verstecken, weil der betriebliche Kampf nicht alleinig von der Gewerkschaft abhängt. Die Gewerkschaften sind wichtige Instrumente zur Organisierung des Kampfes, insbesondere über Betriebs-, Branchen- und Ländergrenzen hinweg. Allerdings lässt sich der Widerstand im Betrieb „zur Not“ auch ohne gewerkschaftliche Strukturen organisieren, dann braucht es allerdings andere Formen der Selbstorganisierung. Unorganisiert lässt sich ein solcher Kampf nicht führen oder gewinnen.

Internationale Solidarität
Wichtig ist es auch, in dieser Situation, in der die Kapitalisten verschiedener Länder miteinander ringen und dabei nationalistische Argumente zur Rechtfertigung und Bemäntelung ihres profitgetriebenen Konkurrenzkampfes schüren, dieser Hetze gegen anderen Nationalitäten oder Ethnien entschieden den Kampf anzusagen. Man versucht ins dadurch in eine Konkurrenz mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zu verstricken. Das Ziel der Konzerne ist dabei ein Unterbietungswettbewerb zwischen den Arbeitern verschiedener Ländern, indem sie überall erzählen, dass sie in anderen Ländern günstiger produzieren könnten. Diesem Argument nachzugeben und auf eigene Rechte oder auf Lohnbestandteile zu verzichten, bedeutet den Anfang einer Abwärtsspirale, die die Arbeitsbedingungen aller Arbeiter gefährdet, während die Unternehmen profitieren. Diesen Spaltungsversuchen, ob Standort gegen Standort, Einheimische gegen Migranten oder Nation gegen Nation, gilt es mit Solidarität und Klassenbewusstsein zu begegnen. Nur so wird die Arbeiterklasse ihre Situation in Zeiten verschärfter kapitalistischer Konkurrenz behaupten und verbessern können.

Solidarität statt Spaltung

Die entscheidende Stärke der Beschäftigten liegt in ihrer Einheit. Nur mit vereinten Kräften können sie es schaffen, den Vorhaben oder Entscheidungen der Kapitalseite etwas entgegenzusetzen. Selbst bei Werkschließungen oder tausendfachem Stellenabbau ist dies möglich. Denn so gut wie nie schließt ein Unternehmen von einem Tag auf den nächsten seine Werkstore und legt ganze Fabriken still. In der Regel geschieht dies, genau wie der Abbau von Arbeitsplätzen, über einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren. Genug Zeit also, um sich als Kolleginnen und Kollegen um seine gemeinsamen Interessen herum zu sammeln und den Kampf aufzunehmen. Selbst nach der Ankündigung, ein Werk schließen zu wollen, läuft die Produktion also zunächst „wie gewohnt“ weiter, denn für den verbleibenden Zeitraum kalkuliert das Unternehmen natürlich weiterhin mit einer gewissen Stückzahl zur Abfertigung bereits bestehender Verträge. Selbst dann lässt sich durch kollektive Arbeitskampfmaßnahmen, wie beispielsweise Arbeitsniederlegung oder Dienst nach Vorschrift, noch Druck auf die Unternehmensführung ausüben. Es ist also längst nicht alles verloren – im Gegenteil. Gerade unter diesen Vorzeichen, wenn es die Kapitalseite zur Stabilisierung oder Erhöhung ihrer Gewinnmargen auf unseren Arbeitsplatz abgesehen hat, sollten wir uns wehren und für unsere Rechte und ein sicheres Auskommen und einen sicheren Arbeitsplatz kämpfen. Damit bedrohen wir weder die Zukunft der deutschen Industrie insgesamt, noch die eines einzelnen Unternehmens. Andersherum bedroht die hunderttausendfache Arbeitsplatzvernichtung allerdings unsere Zukunft.

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