Will das Unternehmen unseren Standort schließen oder tausende Arbeitsplätze vernichten, dann ist nach dieser Logik nicht mehr die Profitmaximierung der Unternehmer schuld, sondern die Kolleginnen und Kollegen, die an einem anderen Standort für einen geringeren Lohn arbeiten. Kürzt das Unternehmen die betriebliche Altersvorsorge oder streicht Sozialleistungen, dann ist nach dieser Logik nicht der Vorstand schuld, der gleichzeitig Rekordausschüttungen an Aktionäre beschließt, sondern die jüngeren Beschäftigten, die angeblich nicht genug leisteten, um solche Sozialleistungen zu bezahlen.
Es ist kein Zufall, dass diese Spaltung genau dann zunimmt, wenn wir gleichzeitig massiven Stellenabbau, Angriffe auf unsere Rente und Arbeitszeitregelungen erleben und die Unsicherheit unter vielen Kolleginnen und Kollegen wächst. Wer kürzt, einspart und entlässt, der braucht auch einen Sündenbock, mit dem er dieses Vorgehen rechtfertigen kann. Weiter weg von der Realität könnte diese Verdrehung der Schuld jedoch kaum sein.
Denn es sind unsere Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir, egal welcher Herkunft, dieselben Bedürfnisse und Hoffnungen teilen. Das zeigt sich besonders deutlich in Tarifrunden. In diesem Jahr stehen Tarifverhandlungen für rund 10 Millionen Beschäftigte an. Wenn Belegschaften dabei gemeinsam für Übernahmegarantien, Arbeitsplatzsicherheit und Lohnerhöhungen kämpfen, wird sichtbar, was uns verbindet: Die Forderungen betreffen uns alle gleichermaßen, unabhängig davon, woher wir kommen oder wie lange wir schon im Betrieb sind.
Auf der anderen Seite stehen die Interessen der Unternehmen, die ihre Gewinne immer weiter steigern wollen. Hier wird deutlich: die Interessen der Belegschaften und die der Unternehmer stehen in direkten einem Gegensatz zueinander. Was für den einen die Steigerung der Gewinne bedeutet, ist für den anderen eine ausbleibende Lohnerhöhung oder sogar Lohnverzicht.
Wem nützt die Spaltung?
Wenn wir zulassen, dass in den Betrieben anhand von Herkunft, Religion, Alter oder Geschlecht ein Keil zwischen uns getrieben wird, schwächt das unsere Einheit und damit unsere Kampfkraft als Beschäftigte. Eine Belegschaft, die Vorurteile gegeneinander hegt, wird weniger dazu bereit sein, gemeinsam für ihre Interessen einzutreten. Das erleichtert es, hart erkämpfte Rechte, wie beispielsweise den Acht-Stunden-Tag, wieder zurückzunehmen, wie es aktuell versucht wird.
Die Gewinner dieser Politik sind leicht zu benennen: Es sind genau diejenigen, die mit Lohndruck und Entlassungen den Ursprung unserer Probleme erst erzeugen. Aber nicht nur die Unternehmen profitieren von dieser Spaltung. Auch rechte Parteien wie die AfD schaffen es dadurch Wähler für ihre arbeiterfeindlich Politik zu gewinnen, indem sie an vorderster Front Vorurteile schüren und gleichzeitig von den eigentlichen Ursachen ablenken.
Rechte Listen wie das „Zentrum“ werben mit der Idee einer sogenannten „Betriebsgemeinschaft“: Unternehmen und Beschäftigte teilten, vereint durch ihre Nationalität, dieselben Interessen und wenn alle an einem Strang ziehen würden, ließen sich die Probleme im Betrieb lösen. Gleichzeitig wird das Bild eines äußeren Feindes gezeichnet, zu dem regelmäßig auch Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund gezählt werden.
Diese Logik widerspricht direkt dem, worum es in gewerkschaftlicher Arbeit geht. Wer Spaltung entlang von Herkunft betreibt, schwächt die Belegschaft und stärkt damit die Position der Arbeitgeber.
Zusammenhalt stärken – Spaltungslinien überwinden
Was uns verbindet sind dieselben Interessen gegenüber denselben Arbeitgebern. Unabhängig davon, woher wir kommen, wie alt wir sind oder welches Geschlecht wir haben. Wir müssen dieses gemeinsame Interesse in den Mittelpunkt rücken und klar benennen, wer tatsächlich für Stellen- und Sozialabbau verantwortlich ist.
Die anstehenden Tarifrunden bieten dafür eine konkrete Möglichkeit. Starke gewerkschaftliche Aktionen an der Basis, über die Grenzen von Herkunft, Alter und Geschlecht hinweg, beweisen in der Praxis, wer mit uns in einem Boot sitzt und wer nicht. Das ist kein neuer Gedanke: Die Gewerkschaften wurden gegründet, um genau diese Einheit herzustellen und die künstlichen Trennlinien zu überwinden, die uns Beschäftigte schwächen. Diese Aufgabe ist heute so aktuell wie damals. Diese Perspektive gilt auch über den Arbeitsplatz hinaus. Im Stadtteil, auf Betriebsfesten oder bei gemeinsamen Veranstaltungen können wir sichtbar machen, was uns verbindet und die Grenzen einreißen, die uns voneinander trennen sollen. Es liegt an uns, diese Forderungen mit Leben zu füllen und sie zu praktischer Solidarität werden zu lassen.




