Ich glaube, wir erinnern uns alle an den kalten Winter dieses Jahres. Im Januar hat es im Norden so stark geschneit wie lange nicht mehr. Zwischen vereisten Straßen, fehlendem Streusalz und dem normalen Stress einer Großstadt lief der Alltag trotzdem weiter. Fast überall in den sozialen Medien dieselben Hinweise: Richtig Schnee schippen, Pausen machen und Überanstrengung vermeiden. Besonders in der Kälte steige das Risiko für Herzinfarkte.
Ich merkte, wie ich bei jedem neuen Beitrag an meinen Vater denken musste. Er arbeitete in der Gebäudereinigung und verbrachte fast die gesamte erste Januarhälfte damit, Schnee zu schippen. Ich musste mich davon abhalten, ihn anzurufen. Nicht, weil ich mir keine Sorgen machte, sondern weil ich wusste, dass meine Fragen nichts ändern würden. Ich wollte ihn nicht auch noch in Panik versetzen. Ob er die richtige Technik benutzte, ob er genug Pausen machte oder das richtige Equipment hatte, all das spielt keine Rolle, wenn jemand trotzdem gezwungen ist, weiterzuarbeiten.
Mitte Januar klingelte nachts mein Telefon. Meine Mutter weinte. Sie sagte, meinem Vater gehe es nicht gut. Die Sanitäter seien da und würden ihn wahrscheinlich ins Krankenhaus bringen.
Ich machte mich mit meiner Mitbewohnerin auf den Weg und suchte ein Mietauto. Währenddessen versuchte ich meine Schwester zu beruhigen. Ich sagte ihr, dass wir wahrscheinlich nur eine Nacht im Krankenhaus verbringen würden. Meine Mutter rief ich in dieser Zeit nicht zurück. Sie sollte sich keine Sorgen machen müssen, dass ihre Tochter nachts durch die Stadt irrt. Erst als wir im Auto saßen, rief ich wieder an.
Kaum ging meine Mutter ran, hörte ich ihr Schreien.
Mein Vater hatte es nicht geschafft.
Ich habe noch nie in meinem Leben so eine Wut gespürt. Noch bevor ich überhaupt in der Wohnung angekommen war, wusste ich, dass ich diesen Tod nicht als plötzliches Schicksal betrachten konnte. Ich wusste, dass die Arbeitsbedingungen meines Vaters etwas mit seinem Tod zu tun hatten. In meinem Kopf tauchten wieder diese Instagram-Posts auf. Videos mit fröhlicher Musik, in denen den Kollegen der Stadtreinigung für ihre harte Arbeit gedankt wird.
Doch Anerkennung allein schützt niemanden vor Ausbeutung.
Als ich in der Wohnung ankam, standen dort zwei Polizisten. Sie begrüßten mich in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin und die unser Vermieter nun verkaufen will. Derselbe Vermieter, der uns zunächst eine Trauerkarte schickte und kurze Zeit später eine rechtswidrige Mieterhöhung forderte.
Meine Mutter und Schwester standen unter Schock. Das Kriseninterventionsteam hingegen blieb nur so lange, bis der Leichnam meines Vaters abgeholt wurde. Auf einem Flyer der Polizei stand ein schwer lesbares Aktenzeichen. Darüber sollten wir uns später über die Autopsie und die Freigabe des Leichnams informieren.
Ein paar Tage später empfahl die Kriminalpolizei eine Obduktion. Drei Stunden vor seinem Tod hatte meine Mutter bereits einen Notarzt gerufen. Mein Vater hatte klassische Symptome eines Herzinfarkts. Doch der Arzt schickte ihn nicht ins Krankenhaus. Stattdessen gab er ihm eine Schmerztablette, scherzte darüber, dass auch er Muskelkater vom Schnee schippen habe, und ging in den Feierabend.
Hätte meine Mutter den Notarzt nicht gerufen, wäre sie beim plötzlichen Tod ihres Mannes zunächst die Hauptverdächtige gewesen. Das Gesetz denkt also als erstes an die Personen im Haushalt und als zweites an den Notarzt. Aber an welcher Stelle wird denn an die Arbeitsbedingungen gedacht? Niemand fragte, warum ein Mann mit 61 Jahren trotz körperlicher Erschöpfung täglich Schnee schippen musste. Niemand fragte nach Doppelschichten, Überstunden oder körperlicher Belastung. Der Arbeitgeber spielte in dieser Geschichte keine Rolle, schließlich handelte es sich nicht um einen klassischen Unfall auf der Arbeit mit Todesfolge.
Seit ich denken kann, arbeitete mein Vater in mehreren Jobs gleichzeitig. Sein Hauptjob war Vollzeit in der Gebäudereinigung. Dazu kamen Nebenjobs, ebenfalls in der Reinigung. Krankmeldungen konnte er sich nicht leisten. Nicht finanziell, aber vor allem nicht aus Angst ersetzt zu werden. Seit mehreren Jahren arbeitete er an demselben Objekt. In der Gebäudereinigung ist das ungewöhnlich. Viele Beschäftigte fahren täglich von Ort zu Ort, stehen unter enormem Zeitdruck und arbeiten unter noch prekären Bedingungen. Für meinen Vater war dieser Standort das kleinere Übel. Und genau diese Angst wurde gefüttert und gegen ihn verwendet.
Jedes Jahr begann im Herbst dieselbe Drohung. Vielleicht verliere die Firma den Standort. Vielleicht wolle der Eigentümer lieber eine Firma, die „alles aus einer Hand“ anbietet: Reinigung, Gartenarbeit, Hausmeistertätigkeiten. Also arbeitete mein Vater noch mehr. Er übernahm Aufgaben, die nicht zu seinem eigentlichen Job gehörten. Er machte Überstunden. Er sagte selten nein. Nicht, weil er blind gehorsam war, sondern weil er Angst hatte. In Deutschland arbeiten rund 600.000 Menschen in der Gebäudereinigung. 60% der Beschäftigten haben einen Migrationshintergrund. Viele erleben täglich, wie austauschbar ihre Arbeit behandelt wird. Wer krank wird, wer sich beschwert oder seine Rechte einfordert, gilt schnell als schwierig und kann ersetzt werden.
Nach der Beerdigung ging es also weiter.
Die Rechnung für den Krankenwagen lag im Briefkasten, obwohl er zuhause gestorben war. Nachdem wir die Rechnung bei der Krankenkasse eingereicht hatten, kam die letzte Lohnabrechnung meines Vaters. Die Winterdienste fehlten und sein Samstagsdienst ebenso. Also gingen wir zu seiner Gewerkschaft. Dort wurde uns erklärt, dass wir nachweisen müssten, dass mein Vater diese Stunden tatsächlich gearbeitet hatte. Wir waren also plötzlich in der Beweispflicht.
Wie beweist man die Arbeitszeit eines Toten?
Ich begann also seine Unterlagen zu durchsuchen. An der Wand seines Pausenraums/Umkleide, ein abgesperrter Bereich im Keller unter einer Treppe, hängt ein Kalender. Dort hatte mein Vater jedes Mal ein „K“ eingetragen, wenn er den Winterdienst machen musste. K für „Kar“, das heißt Schnee auf türkisch. In der Woche vor seinem Tod stand beinahe jeden Tag zweimal ein „K“ im Kalender. Später erfuhr ich, dass er teilweise bis zu acht Stunden Schnee geschippt hatte, bevor er noch zu seinem Nebenjob fuhr.
Mit jedem Dokument verstand ich mehr über die Bedingungen, unter denen mein Vater gearbeitet hatte. Ich sprach mit Kollegen, ehemaligen Mitarbeitern und Arbeitern anderer Firmen, die täglich am gleichen Objekt arbeiteten. Viele reagierten resigniert. „Das bringt doch nichts“, sagten sie. „Das Geld bekommt ihr nicht zurück.“. Aber es ging nicht ums Geld. Es ging um Gerechtigkeit für ihn und andere Arbeiter unter den gleichen Bedingungen.
Also machte ich mich an den Ordner mit allen arbeitsbezogenen Unterlagen meines Vaters. Darin lagen Stundenzettel, eine Abmahnung und alte Gerichtsunterlagen. Ich fand Dokumente über nicht ausgezahlte Stunden für Winterdienste aus früheren Jahren. Ich fand Schriftverkehr über wenige Cent Lohnerhöhung, die meinem Vater zustanden, aber nie gezahlt wurden. Und ich fand eine Abmahnung. Darin stand, mein Vater habe sich während einer „unerlaubten Frühstückspause“ bedrohlich vor seinem Vorarbeiter aufgebaut. Er habe ihn angeschrien und gesagt, man solle ihn „wie einen Menschen behandeln“. Ich denke nichts hat mich je so sehr verletzt wie diesen Satz zu lesen. Später fand ich auch die Unterlagen zum Einspruch gegen diese Abmahnung. Am Ende ging es um einen Kaffee, den mein Vater zwischen zwei Objekten getrunken hatte. Es stellte sich heraus, der angebliche Zeuge habe gelogen. Zwischen den Dokumenten lag die Sterbeurkunde meiner Großmutter, die er einreichen musste, um einen einzigen freien Tag zu bekommen. Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass der Tod meines Vaters kein isolierter Vorfall war. Nicht ein tragisches Einzelereignis. Sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeitsbedingungen, die Menschen erschöpfen, ausbeuten und unter Druck setzen.
Die WHO schätzt, dass jedes Jahr rund 1,9 Millionen Menschen weltweit an den Folgen schlechter Arbeitsbedingungen sterben. Besonders lange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich. Dennoch gelten Arbeitsbedingungen selten als Todesursache. Wenn Arbeiter sterben, spricht man über persönliche Gesundheit, über Alter, über Lebensstil. Aber nur selten über die Unternehmen, politische Entscheidungen und Verantwortung oder ein System, das Menschen dazu zwingt, über ihre körperlichen Grenzen hinauszuarbeiten.
Ich denke oft an die letzte Woche meines Vaters zurück. An die zwei „K“ pro Tag im Kalender. An die Angst, ersetzbar zu sein. An den Satz aus der Abmahnung:
„Behandeln Sie mich wie einen Menschen.“
Und viele Menschen um mich herum fragen zurecht:
Wie kann es sein, dass Menschen nach Jahrzehnten körperlicher Arbeit sterben und ihre Familien danach Arbeitsstunden beweisen müssen?
Wie kann es sein, dass man nach einem Todesfall Rechnungen für Krankenwagen erhält?
Wie kann es sein, dass Menschen an ihren Arbeitsbedingungen sterben und trotzdem niemand verantwortlich zu sein scheint?
Doch wir bleiben nicht nur mit offenen Fragen zurück. Der Tod meines Vaters war kein Einzelfall. Und was auch passiert, wenn ein Arbeiter stirbt: Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen wird umso entschlossener weitergeführt, für ihn und für alle seine Kollegen.




