Der Volkswagen-Konzern (VW), der in der vergangenen Zeit seine Produktionskapazitäten um mehr als zwei Millionen reduziert und dafür 70.000 Arbeitsplätze abgebaut hat, bereitet nun einen neuen Angriff vor. Demnach sollen in Deutschland die Produktionskapazitäten um eine weitere Million Autos abgebaut werden. Während zahlreiche „Lösungen“ diskutiert werden, darunter Werksschließungen und die Verlagerung der Produktion nach Mexiko und in die Türkei, fordert die Porsche-Piech-Dynastie eine Steigerung der Gewinnmarge auf ein Niveau zwischen 8 und 10 Prozent. Während all dies geschieht, „übersetzt“ die IG Metall die Erklärungen des Konzerns für die Arbeiter!
Die Umstrukturierung der Volkswagen AG (VW AG), Europas größtem und weltweit zweitgrößtem Automobilkonzern, geht weiter. Der VW-Konzern, der jahrelang mit Konkurrenten aus Japan und den USA auf dem weltweiten Automobilmarkt um einen größeren Anteil bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor hart konkurrierte, verliert insbesondere auf dem chinesischen Markt seine Vormachtstellung, da Elektrofahrzeuge dort immer mehr Anklang finden.
Die Porsche-Piech-Dynastie ist unersättlich!
Unter den weltweit im Jahr 2025 verkauften mehr als 80 Millionen Autos lag der Anteil von Elektro- und Hybridfahrzeugen erstmals bei über 25 Prozent. Es wird erwartet, dass die Zahl der verkauften Elektro- und Hybridfahrzeuge, die etwas über 20 Millionen lag, auch in diesem Jahr weiter steigen wird.
Volkswagen liegt in Europa sowohl bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor als auch bei Elektrofahrzeugen an erster Stelle. Doch diese Position des Konzerns ist nicht sehr gefestigt. Vor allem die US-amerikanische Firma Tesla und das chinesische Unternehmen BYD dominieren derzeit auf der Welt den Markt für Elektrofahrzeuge.
Genau hier beginnen die Wettbewerbsprobleme des VW-Konzerns. Wenn von „Problemen“ gesprochen wird, bedeutet das nicht, dass der VW-Konzern Verluste macht. Im Gegenteil, dort läuft alles wie am Schnürchen: VW schloss das Geschäftsjahr 2025 mit einem Gewinn von 6,9 Milliarden Euro ab. Der Finanzvorstand des Konzerns, Arno Antlitz, begann bei der Vorstellung der Bilanz für 2025 mit den Worten: „Das Jahr 2025 war geprägt von geopolitischen Spannungen, Zöllen und intensivem Wettbewerb“. Damit sagt Antlitz jedoch nur die halbe Wahrheit: Wären die in der Bilanz als „Sondereffekte“ bezeichneten Posten – mit Ausnahme der US-Zölle – herausgerechnet worden, hätte der Konzern ein operatives Ergebnis von 17,7 Milliarden Euro erzielt, was einer Gewinnmarge von 5,5 Prozent entsprochen hätte.
Nach Angaben des Betriebsrats (BR) belastete allein der Strategiewechsel bei Porsche die Konzernbilanz mit rund 5 Milliarden Euro, während sich die US-Zölle mit rund 3 Milliarden Euro in der Bilanz niederschlugen. Außerdem flossen dem Konzern plötzlich weitere 6 Milliarden Euro zu! Über die Herkunft dieser Summe wurde der Öffentlichkeit bislang noch keine Auskunft gegeben. Insgesamt betrachtet jammert der VW-Konzern trotz seiner starken Position auf hohem Niveau.
Die Erwartungen der Eigentümer des Konzerns, der Porsche-Piech-Dynastie und des Staatsfonds von Katar, sind äußerst klar: Laut einem am 27. April 2026 veröffentlichten Bericht der Zeitung Handelsblatt haben die Eigentümer des Konzerns im VW-Aufsichtsrat mitgeteilt, dass sie „Pläne zur Entwicklung einer neuen Vision haben, die trotz sinkender Verkaufszahlen eine Gewinnmarge von zehn Prozent anstrebt“. Die Automobil-Milliardäre üben seit langem Druck auf die Unternehmensleitung aus, um die Gewinnmarge und die Dividendenzahlungen zu sichern, und fordern verstärkte Sparmaßnahmen.
Gemäß dem zwischen GBR/IG Metall und VW unterzeichneten Vertrag werden die Werke in Dresden und Osnabrück nicht geschlossen. Der Vorstand des Konzerns sucht nach „Alternativen“ für diese Werke. Für das Werk in Dresden, in dem die Produktion Ende 2025 eingestellt wurde, laufen offiziell Arbeiten zur Umwandlung in einen „Innovationscampus“ in Zusammenarbeit mit der TU Dresden. Laut Informationen, die an die Presse durchgesickert sind, laufen jedoch Gespräche über den Verkauf des Werks an den chinesischen Konkurrenten BYD oder über die Produktion für diesen Konzern. Was das Werk in Osnabrück betrifft, so laufen Gespräche über den Verkauf an den israelischen Rüstungskonzern „Rafael Advanced Defence Systems“ oder über die gemeinsame Produktion von Kriegsfahrzeugen mit diesem Unternehmen.
Mehr Gewinn bei geringeren Verkäufen
Die „neue Vision“ der Porsche-Piech-Dynastie und anderer Aktionäre ist nicht neu. Mit weniger Arbeitskräften mehr produzieren, verlängerte Arbeitstage und Versuche, die Löhne der Arbeiter zu senken – das steht im Streben des Kapitals nach maximalem Profit immer auf der Tagesordnung. In der sozialistischen Literatur wird dies kurz als „extreme Ausbeutung“ bezeichnet!
Da die Porsche-Piech-Dynastie ihren Managern den Auftrag erteilt hat, „trotz geringerer Verkaufszahlen höhere Gewinnmargen“ zu erzielen, braucht man kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, dass die Angriffe auf Arbeiterrechte im VW-Konzern erheblich zunehmen werden.
Alle „Sparpakete“, die innerhalb des Konzerns unter dem Vorwand der „Sicherung von Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit“ auf den Tisch kommen, dienen ausschließlich der Steigerung der Gewinnmarge: Abgesehen von früheren Zeiten wurden seit 2020 kontinuierlich zahlreiche Sparmaßnahmen zur Kostensenkung umgesetzt. Noch bevor der Ende 2023 beschlossene Plan, bis 2026 jährlich 10 Milliarden Euro einzusparen, umgesetzt werden konnte, wurde Ende 2024 in Deutschland der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen sowie die Schließung von zwei Werken (Dresden und Osnabrück), in China 20.000 Entlassungen und die Schließung von zwei Werken (Xinjiang und Nanjing) beschlossen.
Während die Entlassungen und Werksschließungen in Deutschland bis 2030 andauern werden, wurden die betroffenen Werke in China bereits geschlossen und 20.000 Beschäftigte entlassen. VW-Chef Oliver Blume sagte dazu: „Was für uns in China eine sehr positive Erfahrung war, ist die hohe Disziplin und Bereitschaft bei der Umsetzung der Maßnahmen. […] Wir sollten uns ansehen, wie andere Länder vorgehen; auch in China gibt es viel darüber zu lernen, wie sich das Land entwickelt“ (BILD, 21.3.2026: „Wir haben VW von Grund auf umgekrempelt“) und machte damit deutlich, dass man einen aggressiveren Kurs einschlagen werde.
Überkapazitäten werden abgebaut
CEO-Blume legte bei der Aufsichtsratssitzung Ende April einen fast 180-seitigen Bericht vor, der in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma „Boston Consulting Group“ (BCG) erstellt worden war. Demnach seien die Produktionskapazitäten in allen Werken des Konzerns nach wie vor hoch, deshalb müssen vier weitere Werke geschlossen werden. Wie bekannt ist, hatte sich der VW-Konzern Ende 2024 mit dem Gesamtbetriebsrat (GBR) und der IG Metall darauf geeinigt, die Produktionskapazität von über 12 Millionen auf 10 Millionen bis Ende 2027 zu senken. In diesem Zusammenhang war beschlossen worden, in Deutschland insgesamt 50.000 Beschäftigte abzubauen – davon 35.000 aus VW-Werken und 15.000 von Audi und Porsche (im Rahmen von Vorruhestandsregelungen und Sozialplänen) – sowie die zwei Werke (Dresden und Osnabrück) zu schließen. Dieser Plan hatte die Produktionskapazität in Deutschland um eine Million reduziert. Durch die Schließung von zwei Werken in China und die Entlassung von 20.000 Beschäftigten wurde die Gesamtproduktionskapazität in China um 1,5 Millionen reduziert. Außerdem soll mit Ausnahme von Porsche ein neues Lohnsystem eingeführt werden, um die Löhne um 20 Prozent zu senken – die Verhandlungen darüber laufen hinter verschlossenen Türen weiter.
Nach dem neuen Plan steht die Schließung der Werke in Emden, Zwickau und Hannover, in denen VW-Modelle hergestellt werden, sowie des Werks in Neckarsulm, in dem Audi-Modelle produziert werden, auf der Tagesordnung. In diesen Werken sind derzeit etwa 43.000 Arbeitnehmer beschäftigt. In einem Artikel der Zeitschrift Manager Magazin (MM) wird ein Manager aus dem VW-Vorstand mit folgenden Worten zitiert: „Wir können in Deutschland zwei (VW-)Werke schließen, ohne auch nur ein einziges Auto zu verlieren. Gleichzeitig sparen wir 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro.“ Der Manager bezieht sich dabei auf die Werke in Emden und Zwickau.
Die Schließung des Werks in Hannover, in dem die Elektrofahrzeuge ID.Buzz und der VW-Transporter (Generation T7) hergestellt werden, steht schon seit längerem zur Debatte. Der neue VW-Transporter (Generation T7), der Anfang 2025 auf den Markt kam, wird unter anderem in der Türkei produziert. Die Produktion erfolgt in Zusammenarbeit mit Ford im Ford Otosan-Werk in Kocaeli – nach Angaben der Beteiligten lässt sich die Produktionskapazität in Kocaeli problemlos erhöhen.
Im Audi-Werk in Neckarsulm werden derzeit Modelle wie der A5 und der A6 produziert; beide sind Modelle mit Verbrennungsmotor. Audi-CEO Gernot Döllner hatte zuvor erklärt, dass man es vorziehe, die Produktion in Nordamerika zu stärken und ein Audi-Werk in den USA zu errichten, anstatt überschüssige Produktionskapazitäten in Deutschland zu erhalten. Die Produktion in Neckarsulm könnte hingegen vollständig nach Ingolstadt verlagert werden, wo sich der Audi-Hauptsitz befindet. Sollten diese Pläne des Konzerns umgesetzt werden, würden in Deutschland nur noch in Wolfsburg (VW) und Ingolstadt (Audi) Fahrzeuge für den breiteren Markt produziert.
Für die Porsche-Werke in Zuffenhausen und Leipzig gibt es noch keine konkreten Pläne. Laut einem Bericht in „Spiegel Plus“ erklärte Michael Leiters, der Anfang dieses Jahres zum Porsche-Vorstandsvorsitzenden ernannt wurde, dass derzeit Pläne ausgearbeitet werden, welche Modelle das Unternehmen gemeinsam mit Audi an welchen Standorten produzieren könnte. So werden beispielsweise Porsches „Elektro-SUV Macan“ und Audis „Q6 e-tron“ auf derselben Plattform produziert. Porsche könnte dieses Modell aus Leipzig abziehen und nach Ingolstadt verlagern, wo die Produktion kostengünstiger ist. Auch das Porsche-Modell M1 (vorläufiger Name), das auf der Plattform des Audi Q5 produziert werden soll, könnte nach Mexiko verlagert werden, wo die Produktion sehr kostengünstig ist.
CEO Blume strebt im Rahmen der „SSP & CSP-Plattformstrategie“ (siehe Kasten) an, die Zahl der rund 150 Modelle aller Marken innerhalb des Konzerns auf 100 zu reduzieren und die Fahrzeugproduktion in den kommenden Jahren mit der Plattform der dritten Generation noch flexibler zu gestalten. So können im selben Werk und am selben Fließband deutlich mehr Fahrzeuge produziert werden. Dies entspricht der Forderung der Porsche-Piech-Dynastie nach „höheren Gewinnmargen trotz geringerer Verkaufszahlen“. Die VW-Chefs wollen sich in den deutschen Werken auf teure Modelle konzentrieren, die höhere Gewinnmargen bringen.
Die wichtigsten Punkte der VW-Plattformstrategie (SSP & CSP):
Der VW-Konzern montiert, wie andere Automobilkonzerne auch, Modelle verschiedener Marken des Konzerns auf denselben Plattformen (Chassis), um die Produktionskosten zu senken. VW verkauft diese Plattformen zudem an andere Automobilkonzerne – so werden beispielsweise die in Köln hergestellten Ford-Modelle „Explorer“ und „Capri“ auf der „MEB“-Plattform von VW montiert.
SSP (Scalable Systems Platform): Diese „Plattform 3.0“ wird ab der zweiten Hälfte der 2020er Jahre alle bestehenden modularen Plattformen des Konzerns (MQB, MLB, MEB) ablösen. Die Plattform, die Elektroantrieb und Digitalisierung vereint, wird konzernweit in über 30 Modellen eingesetzt werden, von Kleinwagen bis hin zu Sportwagen.
Kostensenkung und Effizienz: Die SSP zielt darauf ab, die Fahrzeug- und Produktionskosten um 10 bis 20 % zu senken, indem sie die einheitliche Verwendung von Motoren, Achsen und Batterien ermöglicht.
Einheitliche Batterie: Ein wichtiger Bestandteil der Strategie ist die Einführung einer einheitlichen Batteriezelle (Standardformat), die flexibel mit unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen bestückt werden kann.
Software-Integration: Die Konzerngesellschaft CARIAD arbeitet an einer einheitlichen Softwareplattform (VW.OS), um Funktionen wie „Over-the-Air“-Updates zu ermöglichen.
Regionale Plattform (CSP): Aufgrund der hohen Dynamik auf dem chinesischen Markt entwickelt VW dort eigenständig die „China Scalable Platform“ (CSP), um schneller auf lokale Anforderungen reagieren zu können.
Strategie 2030 / Boost 2030: Diese Strategien zielen darauf ab, die Modellkomplexität zu reduzieren, Prozesse zu straffen und die Technologie- und Volumenführerschaft im Bereich der Elektrofahrzeuge zu sichern.
IG Metall übersetzt VW!
Die Pläne des VW-Konzerns waren bereits vor der oben erwähnten Aufsichtsratssitzung an die Presse durchgesickert. Verschiedene Medien hatten berichtet, dass VW nach dem 2024 in Kraft getretenen Sparprogramm einen neuen Angriffsplan vorbereitet habe und dass in diesem Zusammenhang die Schließung von vier Werken auf der Tagesordnung stehe. Die betreffenden Meldungen waren am 16. Februar, 23. April und 6. Mai auf der Website des Manager Magazins (MM) veröffentlicht worden. Andere Medien hatten die Meldungen unter Berufung auf das MM verbreitet.
Die IG Metall sah sich hingegen nach jener Veröffentlichung im MM noch am selben Tag veranlasst, zu erklären, was die Artikel bedeuteten (siehe: www.igm-bei-vw.de). Dass die IG Metall Wolfsburg quasi versucht, die Aussagen von CEO Blume zu übersetzen, ist im wahrsten Sinne des Wortes tragikomisch! Es wird behauptet, es sei „völliger Unsinn“, die in der Presse bekannt gewordenen Pläne des Konzerns als „Generalangriff“ oder „Massenentlassung“ zu bezeichnen. Im Aufsichtsrat des Konzerns sitzen IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, GBR-Vorsitzende Daniela Cavallo und andere „im Namen der Arbeitnehmer“. Wäre es nicht richtiger, statt die Presseberichte zu übersetzen, die Vertreter im Aufsichtsrat zu fragen, worüber gesprochen wurde, und entsprechend Stellung zu beziehen?
Von der IG Metall hätte man erwartet, dass sie den Arbeitern – statt CEO Blume zu übersetzen – anlässlich der am 11. Mai beginnenden Wahl der Vertrauensleute erklärt, wie man sich gegen die geplanten Angriffe wehren kann. Aber vergeblich! Die erste Aufgabe der neu gewählten Vertrauensleute und der noch zu wählenden Vertrauenskörper-Leiter muss es sein, dieser Situation Einhalt zu gebieten und den Kampf von der Basis aus zu organisieren.




