Während die USA die außenpolitische Eskalation vorantreiben und die Unzufriedenheit im Inland wächst, erreicht die „Teile-und-herrsche-Strategie“ einen neuen Höhepunkt: Die 2003 als Reaktion auf die 9/11 Anschläge gegründete Behörde für Migrations- und Grenzkontrollen ist ein Teil des Department of Homeland Security, also des Ministeriums für innere Sicherheit. Seit ihrer Gründung genießt die ICE praktisch unumstrittene Unterstützung von allen Seiten des US-Parlaments. Zum Beispiel wurden während der Obama Regierung etwa 2,4 Millionen Migranten deportiert. Mehr Finanzmittel für ICE war auch eine der wenigen Forderungen, bei denen sich die Wahlkampagnen von Trump und Harris einig waren. Doch mit dem Wiederantritt von Trump hat die Rolle der ICE eine neue Qualität gewonnen. Etwa 170 Milliarden US-Dollar sind schon jetzt für die Dauer der aktuellen Amtszeit versprochen. Durch die massive und rasche Aufrüstung von ICE im vergangenen Jahr hat die Trainingszeit sowohl der Agenten als auch des übrigen Personals abgenommen. Das hat zur Folge, dass – ob gewollt oder nicht – immer wieder offen und gut dokumentiert Gesetze aller Art von ICE-Kräften gebrochen werden. Das öffentliche Auftreten der Agenten ist häufig rücksichtlos, offen übergriffig und gewalttätig.
Als Reaktion auf das harte Durchgreifen der Regierung gibt es nun immer häufiger Aufruhr. Schon am 14. Juni 2025 zum 250. Jahrestag der Verkündung der Unabhängigkeit der USA organisierte die Trump-Regierung eine der größten Militärparaden der USA. Am gleichen Tag fanden auch in über 2.000 Städten mit mehreren Millionen Teilnehmern die „No Kings“-Proteste statt. Diese Hommage an die Revolution gegen die britische Krone richtete sich an Trump und warf ihm vor, sich als König zu inszenieren. Dies stellte die größte nationale Protestaktion in der Geschichte der Vereinigten Staaten dar. Das erste Mal, dass zeitgleich in allen 50 Staaten Demonstrationen stattfanden und seit Black Lives Matter die größte soziale Bewegung in den USA. Die Proteste haben seitdem nicht aufgehört und die Regierung hat diese nicht unbeantwortet gelassen. Die Rekrutierungsquoten der ICE sind so hoch wie nie, die sogenannte „Antifa Terrororganisation“ wurde verboten und Städte, die starken Widerstand gegen die ICE-Kräfte leisten, werden im Rahmen militärähnlicher Kampagnen mit hohen Anzahlen an ICE-Agenten angegriffen. Zuerst in Los Angeles, später in Chicago und nun in Minneapolis wurden diese Kampagnen durchgeführt. Offizielles Ziel ist immer „die Straßen aufzuräumen und radikale, gewalttätige Aufstände zu beenden“, während es in Wahrheit darum geht, die legitimen, friedlichen Proteste der Bevölkerung gegen die Trump-Administration zu unterdrücken. In Minneapolis wurde dies nun durch die Ermordung von Renee Good auf die Spitze getrieben. Ein klares Signal, dass die ICE jederzeit dazu bereit ist, die Grenzen der Legalität zu sprengen, da sie sich – der Unterstützung durch die Regierung gewahr – in völliger Straffreiheit wähnen. Für viele Menschen in den USA eine rote Linie. Seit den Morden an Renee Good und kurz davor Keith Porter, dessen Mord bis heute drastisch unterdokumentiert ist und daher praktisch unbekannt einige Wochen vor Renee Goods Ermordung stattfand, haben nun auch organisierte Milizen angefangen die Proteste zu verteidigen und Polizeieinheiten, unter anderem auch die Einsatzkräfte der ICE, einzuschüchtern. Doch bleibt es in der aktuellen Lage nicht nur bei „gewöhnlichen“ Protesten: Es rufen auch verschiedene Gewerkschaften zu lokalen Generalstreiks auf und sogar liberale Regierungen lassen Schulen schließen, um die Kinder vor potenziellen Razzien zu schützen. Ihre eigene Polizei oder gar ihre lokalen National-Guard-Regimente zum Schutz der Bevölkerung einzuschalten, wagen sie jedoch weiterhin nicht.
Die Trump-Administration erhöht den Druck auf die US-amerikanische Bevölkerung derweil immens. Die Armut in den USA hat auch aufgrund des extrem unterentwickelten Sozialstaates mittlerweile ein so hohes Niveau erreicht, dass über 41 Millionen Menschen – also etwa 12 Prozent der Bevölkerung – von staatlichen Essenmarken leben müssen. Was die Situation der US-amerikanischen Arbeiter zusätzlich verschärft: weiterhin wird in den USA jeglicher Versuch unterdrückt, eine starke Gewerkschaftsbewegung zu etablieren. Nicht nur wenden die großen Konzerne Unsummen für Union Busting auf, auch der Staat betreibt einen massiven Aufwand im Dienste der herrschenden Klasse, indem er die Spaltung der Arbeiterklasse aufrecht erhält und weiter vertieft. Die Lebensqualität in den USA nimmt gleichzeitig weiter ab, Obdachlosigkeit ist überproportional hoch, jeden Tag sterben drei Menschen in Konfrontationen mit der Polizei, etwa ein Viertel der Bevölkerung hat keine Ersparnisse, würden also sofort auf der Straße landen, wenn auch nur ein Monat kein Geld ankommt. Auch die massive Inflation, die besonders während der Corona-Pandemie entstanden ist, wurde noch immer nicht durch Lohnerhöhungen ausgeglichen. Diese Probleme könnten unter anderem mit dem Geld gemindert werden, dass gerade in die ICE investiert wird. Aber das passiert nicht, aus einem einfachen Grund: Spaltung. Der Bevölkerung der USA soll eingetrichtert werden: „Es geht dir schlecht, aber es könnte dir schnell noch sehr viel schlechter gehen und diese „Illegals“ – illegale Migranten – nehmen dir den guten Job weg, den du eigentlich haben solltest.“ So wird die Angst vor einem noch schlechteren Leben genutzt, um die Leute bei der Stange zu halten und sie gegeneinander aufzuhetzen. Es soll die Bevölkerung von dem tatsächlichen Grund ihrer schlechten Lebensbedingungen, dem ungerechten System, in dem sie leben, ablenken. Somit erreicht die „Teile-und-herrsche-Strategie“ durch den Einsatz der „ICE“ einen neuen Höhepunkt – doch die Proteste zeigen, dass bei weitem nicht alle Teile der Gesellschaft diesen Terror akzeptieren werden.




