Damit geraten die über Jahrzehnte erkämpften Rechte von rund 130.000 Beschäftigten unter Druck. Zwar treten laut IG Metall nicht alle Bestimmungen sofort außer Kraft, da teilweise Nachwirkungen gelten. Die Gewerkschaft bezeichnete die Kündigung dennoch als „schweres Foul“ und kündigte einen harten Kampf an.
Wie ist es dazu gekommen?
Die IG Metall und der Gesamtbetriebsrat (GBR) hatten die Konzernleitung am 30. September zu einem Überprüfungsgespräch eingeladen. Mit monatelangen öffentlichen Äußerungen hatte das Management Unruhe unter den Beschäftigten geschürt und die Unsicherheit über die Umsetzung des Ende 2024 geschlossenen Tarifvertrags verstärkt.
Während IG Metall und GBR von einem „Überprüfungsgespräch“ sprachen, bezeichnete VW die Verhandlungen als „Revisionsgespräche“. Noch während der Gespräche verkündete die Konzernpressestelle die Kündigung von zehn der dreizehn geltenden Tarifverträge.
IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger und GBR-Vorsitzende Daniela Cavallo kritisierten das Vorgehen scharf. Für sie gelten die Vereinbarungen von 2024 unverändert. VW müsse seine Zusagen einhalten – insbesondere bei Investitionen und der Sicherung der Werke. Es sei inakzeptabel, dass der Konzern unter Verweis auf seine wirtschaftliche Lage eigene Verpflichtungen infrage stelle und zugleich den Beschäftigten weitere Opfer abverlange.
Was hat der Vertrag von 2024 gebracht?
Der im Dezember 2024 unterzeichnete Tarifvertrag ging mit Entlassungen und erheblichen Einkommensverlusten einher. Bis 2030 sollen durch Altersteilzeit und Abfindungen 35.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Längere Arbeitszeiten und gestrichene Zuschläge bringen laut Artikel durchschnittlich 10.000 Euro Einsparungen pro Beschäftigten. VW-Markenchef Thomas Schäfer erklärte, konzernweit seien 1,5 Milliarden Euro eingespart worden. In Wolfsburg, Emden und Zwickau seien die Werkskosten im Durchschnitt um rund 30 Prozent gesunken.
Weitere Einsparungen brachte die Verlagerung der Produktion der in Hannover hergestellten Bulli-Minibusse mit Verbrennungsmotor in die Türkei. Ein im Januar 2025 unterzeichneter „Zukunftstarifvertrag“ sieht zudem eine Neugestaltung der Tarifvereinbarungen und eine Senkung der Personalkosten um sechs Prozent vor.
Was wird der Tarifvertrag 2026/27 bringen?
Die gekündigten Tarifverträge regeln nahezu alle zentralen Arbeitsbedingungen: Befristete und unbefristete Beschäftigung, Probezeit, Arbeitszeitmodelle, Teilzeit und Vorruhestand, Überstunden und Wochenendarbeit, Löhne und Zuschläge, Leistungs- und Personalbeurteilungen samt Einspruchsrechten, den Schutz älterer Beschäftigter, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub und Urlaubsgeld, Prämien sowie die Übernahme von Auszubildenden.
Durch die Kündigungen drohen weitere Einkommensverluste, die über die bisherigen Zugeständnisse und die im Zukunftsvertrag vorgesehene Personalkostensenkung von sechs Prozent hinausgehen.
Darüber hinaus plant der VW-Vorstand weltweit den Abbau von 50.000 weiteren Arbeitsplätzen, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Auch die Zukunft der VW-Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie des Audi-Werks in Neckarsulm soll erneut zur Verhandlung stehen. Die Konzernleitung begründet dies mit der geringen Auslastung der Werke und erklärt, dieser Zustand könne nicht dauerhaft anhalten.
Aufgekündigte Tarifverträge
Entgelttarifvertrag
Manteltarifvertrag
Rahmentarifvertrag zur Eingruppierung
Tarifvertrag Tarifliche Zulage
Tarifvertrag über die Gewährung einer tariflichen Zusatzvergütung
Tarifvertrag über Leistungs- und Personalbemessung
Tarifvertrag für Beschäftigte mit besonderen Arbeitszeiten
§§ 6 und 18 Ausbildungstarifvertrag
Rahmentarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus
Entgelttarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus
Die Rechnung wird den Arbeitern geschickt!
VW glaubte lange, seine starke Marktposition vor allem in Europa und China problemlos behaupten zu können. Doch der 2015 in den USA aufgedeckte Dieselskandal und Chinas Strategie für Elektroautos durchkreuzten diese Erwartungen. Nachdem der Konzern technologische Entwicklungen lange unterschätzt hatte, versuchte er aufzuholen, verlor aber Marktanteile an internationale Konkurrenten.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in China: Während VW in einem Markt mit jährlich 15 Millionen verkauften Fahrzeugen mehr als vier Millionen Autos absetzte, sind es heute in einem auf rund 25 Millionen Fahrzeuge gewachsenen Markt nur noch etwa zwei Millionen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass VW vor dem Bankrott steht. Der Konzern erzielt weiterhin hohe Gewinne und ist der zweitgrößte Automobilhersteller der Welt. Ende 2025 beliefen sich seine Gewinnrücklagen laut Geschäftsbericht auf 161,36 Milliarden Euro. VW investiert weiter, unter anderem in technologieorientierte Partnerschaften in China und den USA.
Trotzdem sollen die Beschäftigten weltweit für die Probleme des Konzerns und die Schwankungen des Automobilmarkts bezahlen. VW will seine Produktionskapazität von zwölf Millionen Fahrzeugen Anfang 2026 auf neun Millionen senken und bis 2030 insgesamt 100.000 Arbeitsplätze abbauen.
Im April 2026 baute der Konzern in China 20.000 Stellen ab und leitete in Deutschland Maßnahmen zum Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen ein. Betroffen sind neben der Marke VW auch Audi und Porsche. Laut einem Bericht des Manager Magazins vom Juni hat der Konzern zehn Milliarden Euro für Entlassungen und Werksschließungen vorgesehen.
Unter dem Vorwand der Krise greift die Konzernleitung zugleich die von den Beschäftigten erkämpften Rechte an. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust und die Unsicherheit über die Zukunft sollen den Widerstand schwächen und weitere Kürzungen ermöglichen. Auch die Großaktionäre aus der Porsche-Piëch-Dynastie verfolgen weitreichende Interessen: Sie streben laut Artikel die Abschaffung des 20-prozentigen Staatsanteils an VW und der damit verbundenen Mitbestimmung an.
Was werden IG Metall und GBR tun?
Gröger kritisiert, dass Gewinne privatisiert, während Betriebskosten und Risiken auf die Beschäftigten abgewälzt würden. Cavallo spricht von Erpressung: Zunächst werde mit Werksschließungen gedroht, um Angst zu verbreiten; anschließend sollten durch die Kündigung der Tarifverträge weitere Kürzungen durchgesetzt werden.
Dabei hätten die Beschäftigten bereits 2024 erhebliche Zugeständnisse gemacht. Prämien wurden gestrichen und Lohnerhöhungen eingefroren. Das bringt VW jährlich rund 1,5 Milliarden Euro Einsparungen. Im Gegenzug hatte sich der Konzern verpflichtet, in neue Modelle zu investieren und die Zukunft der Werke zu sichern.
Die Kritik von Gröger und Cavallo ist berechtigt, doch das Vorgehen ist keineswegs neu. Bei VW werden Gewinne privatisiert, während Kosten und Risiken auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Die Konzernleitung setzt seit langem auf Druck und Drohungen. Um das zu erkennen, genügt ein Blick in die früheren Vereinbarungen.
Gröger kündigte einen „sehr harten Winter“ an, Cavallo einen „heftigen Konflikt zum Jahreswechsel“. Doch bereits im September 2024, als VW den Abbau von mehr als 30.000 Stellen und die Schließung von vier Werken ankündigte, hatten beide einen „heißen Herbst“ und später einen „heißen Sommer“ versprochen. Am Ende waren es vor allem die Beschäftigten, die diese Konflikte ausbaden mussten – nicht die VW-Chefs. Die VW-Kolleginnen und Kollegen erwarten deshalb mehr als kämpferische Ankündigungen. Sie erwarten eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik gegen die Angriffe und den Streik selbst – so lange, bis die geplanten Angriffe zurückgenommen werden.
„Wettbewerbsultimatum“ für die Werke
Die Konzernleitung hat den VW-Werken in Emden, Zwickau und Hannover sowie dem Audi-Werk in Neckarsulm ein Ultimatum gestellt. In diesen Werken sind insgesamt mehr als 40.000 Beschäftigte tätig. Zwar wird betont, dass keine unmittelbaren Werksschließungen bevorstehen. Doch nach Einschätzung des Konzerns werden die vier Standorte im Zeitraum von 2031 bis 2034 mit ihren neuen Fahrzeugmodellen nicht wettbewerbsfähig sein.
Deshalb sollen die Werke ihre jährlichen Kosten innerhalb von zwölf Monaten um insgesamt 1,5 Milliarden Euro senken. Selbst wenn dieses Ziel erreicht wird, ist ihre Zukunft keineswegs gesichert: Bis Juni 2027 will die Konzernleitung erneut prüfen, ob den Standorten die Produktion neuer Modelle zugesprochen wird.
Kurzum: Die Beschäftigten werden vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt. Der Wettbewerb soll offenbar auf ihrem Rücken ausgetragen werden – mit weiterem Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen.
Werden die Sparziele verfehlt, drohen Werksschließungen oder sogenannte „alternative Produktionsmöglichkeiten“. Die Konzernleitung hat bereits mehrfach erkennen lassen, dass sie darunter auch eine Produktion von Rüstungsgütern versteht.
Sollten diese Pläne scheitern, drohen langfristig konkrete Einschnitte: Die Schließung von VW Emden und VW-Zwickau ab 2031, von VW Hannover ab 2032 und des Audi-Werks Neckarsulm ab 2034 steht als mögliches Szenario im Raum.




