Gemeinsam entscheiden, gemeinsamkämpfen!

Erfahrungen aus dem Hamburger Hafen

In der Tarifrunde der Seehäfen wurde einiges anders gemacht: Zum einen erkämpften die Kollegen eine Laufzeit von nur 12 Monaten, was in vielen anderen Branchen kaum gelingt, andererseits wurde die Tarifrunde mit einer verbindlichen Rückkopplung stark von den Kollegen in den Betrieben gelenkt. Wir haben mit Christian Warnke aus dem Hamburger Hafen über die Erfahrungen der Tarifrunde gesprochen. 

Im Juli seid mit einer Forderung von 8,2 %, mindestens aber 2,50€ die Stunde in die Verhandlungen gestartet. Am 1. August endete die Friedenspflicht und es gab einen 24- und einen 48-Stunden-Warnstreik. Besonders die Laufzeit war dabei ein wichtiger Punkt für die Kollegen. Warum habt ihr auf 12 Monate beharrt?

Die Laufzeit wurde in den Forderungen anfangs gar nicht konkret benannt, das wäre uns später fast auf die Füße gefallen. Da kamen dann zum Glück die Stimmen der Kollegen zum Tragen. Maßgeblich für das Beharren auf die zwölf Monate war die Aussage aus der Rückkopplung. Die Kollegen aus allen Standorten haben klar kommuniziert: Nein, keine lange Laufzeit, wir wollen zwölf Monate! die war das Zünglein an der Waage. Ich habe es immer so erfahren: Wenn man aus einem Gremium heraus, Entscheidungen trifft, dann fallen manche Menschen dem Gedanken anheim, dass die große Masse halt ziemlich einfach sei. Aber nein, so ist es nicht. Die Menschen, auch wenn sie für dich, der im Gremium sitzt, eventuell anonym sind, wissen trotzdem ganz genau, was Phase ist. Dem haben wir durch die Rückkopplung eine deutliche Stimme geben können. Ich fand das sehr erhebend in der Bundestarifkommission (BTK), weil du konntest dich immer darauf zurückfallen lassen, denn Beteiligung in der Rückkopplung war ja auch nicht gering und da kommst du dann nicht umhin, also, denn das musst du wahrnehmen, das musst du ernst nehmen.

Die zwölf Monate sind nicht nur einfach mit Historie zu begründen, weil man das im Hafen immer so macht, sondern hat seine Gründe. Gerade in unserer jetzigen gesellschaftlichen Situation und der internationalen Gemengelage kannst du ja schon gar nicht mehr abschätzen, was ist in einem halben Jahr kommt: Wo habe ich dann zum Beispiel den nächsten Konflikt, der für Teuerung sorgt? Bei den scheinbaren Kriegsbedürfnissen jedes Kleinstdiktators und Pseudodemokraten müssen wir als Menschen in der Arbeiterklasse uns damit auseinandersetzen und uns fragen: Wie sieht denn unsere Lebenssituation in einem Jahr aus? Weiß ich das? Nein, weiß ich überhaupt nicht, das ist überhaupt nicht kalkulierbar mehr heutzutage. Beim Einkaufen hast du schon jetzt selbst im Discounter galoppierende Preise. Das ist ja aktuell, sag ich mal, geisteskrank. Darum ist es mehr als notwendig, dass du eine kurze Laufzeit von maximal zwölf Monaten hast, um zeitnah darauf reagieren zu können.

Tatsächlich ist die Lohnrunde, gerade im Hafen, immer wieder das Thema, mit dem wir die Menschen bewegt bekommen. Das muss man einfach so festhalten – wenn nicht zu anderen Themen, dann zur Lohnrunde, immer. Ich finde es auch wichtig, gerade in der aktuellen Situation die Kampfbereitschaft aufrechtzuerhalten. Wir hatten dieses Mal auch die Idee, die Lohnrunde ein bisschen zu politisieren in Bezug auf den Abbau des Sozialstaates, das hat leider nicht funktioniert, aber ist definitiv eine Perspektive. Auch das spricht für mich immer für eine kurze Laufzeit bei der Lohnrunde.

Wie habt ihr die Tarifrunde genau organisiert, wie hat das Rückkopplungssystem funktioniert?

Wir hatten schon letztes Jahr in der Lohnrunde Tarifbotschafter am Start, aber da hatten wir nach einem Verhandlungstermin schon ein Ergebnis und das Tarifbotschaftersystem kam überhaupt nicht zum Tragen. Somit haben wir uns schon früh die Frage gestellt, wie wir in diesem Jahr damit umgehen. Um das System mehr zu etablieren, wurde schon bevor die Lohnrunde so richtig begann, Anfang des Jahres, ein Antrag in der BTK eingereicht und sich darauf geeinigt, dass die Rückkopplung bindend ist für die Entscheidungen der Tarifkommission. Das war einer der ersten Steps.

Dann haben wir Kollegen mit dem Konzept angesprochen – einige waren schon letztes Jahr dabei gewesen und wollten es nicht wieder machen, weil es dort nicht zum Tragen kam, aber viele haben sich am Ende doch wieder reaktivieren lassen, weil die gesehen haben: Okay, es geht doch anders! In beiden Landesbezirken zusammen waren wir 200 Tarifbotschafter. Die Grundidee ist natürlich, dass jeder Tarifbotschafter einen kleineren Personenkreis zugewiesen hat, das funktioniert mit 200 auf knapp 11.000 Beschäftigte natürlich nicht. Darum haben wir das dann auch ganz klassisch gemacht und uns an den Drehkreuzen aufgestellt, Kollegen da abgefangen. In Gänze hatten wir vier Verhandlungsrunden und sind nach jeder Verhandlungsrunde im Anschluss ins Gespräch mit den Tarifbotschaftern gegangen, die dann in die Betriebe gegangen sind. Dafür hatten wir auch Arbeitsstreiks, das war sehr hilfreich – da waren dann nur die Tarifbotschafter aufgerufen, die dann die Möglichkeit hatten, in die Betriebe zu gehen und die Kollegen über die Verhandlungsergebnisse aufzuklären. So sind wir nach jeder Verhandlungsrunde mit den Kollegen ins Gespräch gegangen und haben ihre Meinungen eingeholt. Du hast richtig gemerkt, wie die Menschen wirklich das aufgesogen haben – als wenn es das ist, was sie gerade brauchen. Das haben auch im Nachgang ganz viele Kollegen erzählt: Dass sie sich wirklich das erste Mal in der Lohnrunde mitgenommen gefühlt haben, dass sie empfunden haben, dass ihre Stimme etwas wert ist. Nicht wie es sonst immer war: Forderungsfindung und dann ein paar Wochen später heißt es schon wieder: Lohnrunde vorbei, Ergebnis ist da.

Darum kam von denjenigen, die das System kritisch sehen auch immer wieder der skurrile Vorwurf, woher wir denn wüssten, dass wir Menschen nicht doppelt abgefragt haben? Natürlich ist das eine gewisse Fehlerquelle, aber es haben auch viele Kollegen ehrlich gesagt, wenn sie ihre Meinung schon abgegeben haben. Das fand ich schon beeindruckend. Letzten Endes haben wir ja auch nochmal eine Mitgliederbefragung gemacht (mit der Maßgabe einer U-Abstimmung) und das Ergebnis war wirklich sehr dicht an dem, was die Tarifbotschafter jedes Mal abgefragt haben. Somit konnten wir das Argument auch entkräften und dadurch auch das Tarifbotschafter-System festigen.

Dass die Rückkopplung bindend war hat bei den Tarifkommissionsmitgliedern von Anfang an für Entspannung gesorgt: Man muss nicht immer zwingend über Dinge entscheiden, wo man nicht hundertprozentig weiß, wie es wen berührt, sondern man kann aus der Befragung der Kollegen die Schlüsse ziehen. Das war sehr hilfreich und hat für Entspannung in der Verhandlungssituation und auch gegenüber dem Arbeitgeber gesorgt. Der kreiert ja auch immer wieder Situationen, in denen man sich genötigt fühlt, eine Aussage zu tätigen, die unter Umständen halt nur eine Mutmaßung ist. Mit der Rückkopplung ist das deutlich einfacher, weil du wirklich sagen kannst: Tja, das kannst du jetzt so postulieren, lieber Arbeitgeber, aber das ist das, was unsere Leute wollen, also beweg dich! Das ist relativ simpel und effektiv.

Und wie viele haben sich da so beteiligt an den Umfragen?

Zwischen der ersten und zweiten Verhandlungsrunde gab es schonmal eine Befragung, da waren wir schon aus der Friedenspflicht raus und haben gefragt: Warnstreiken oder Abwarten? Da hatten wir eine Beteiligung von nicht einmal 3.000, die haben fürs Abwarten gestimmt, was wir dann auch gemacht haben. In den folgenden Befragungen, wo wir dann auch wirklich klare Verhandlungsergebnisse hatten, gab es eine Beteiligung von fast 7.000 Kollegen. Da kann man jetzt sagen: Okay, aber ihr seid ja ungefähr 11.000 Beschäftigte? Da möchte ich dann aber entgegenhalten, denn wir haben in den Häfen immer eine sehr hohe Abwesenheitsquote, wirklich durch Urlaub und tatsächlich auch durch Krankheitsstände. Das verdeutlicht auch nochmal wie schwer die Arbeit ist, auch wenn andere Stimmen gerne was anderes behaupten möchten. Von daher ist die Zahl der Beteiligten zwar noch verbesserungsfähig, aber auf jeden Fall schon sehr gut.

Gibt es auch Leute, die sich nicht beteiligen wollen oder gab es vielleicht auch zu wenige Tarifbotschafter?

Sowas soll es gegeben haben, aber das war verschwinden gering. Im Großen und Ganzen muss man einfach sagen wir hätten deutlich mehr Tarifbotschafter gebraucht, um mehr Menschen zu erreichen. Mein Eindruck ist durchweg positiv, dass die Menschen das wirklich brauchen und dass sie es wollen. Je mehr du sie involvierst, umso klarer wird ihr Bild und umso deutlicher wird die Meinung, auch über die Standorte hinweg. Das heißt die haben sich unter Umständen noch nie gesehen, aber haben auf Arbeit die gleichen Problemsituationen, gleichen Herausforderungen, das vereint sie und so kommen sie trotzdem zum gleichen Ergebnis – das ist schon sehr beeindruckend.

Wie hat sich das System auf die Tarifrunde ausgewirkt?

An und für sich hat uns der Arbeitgeber uns das ja relativ einfach gemacht, ne? Die Angebote haben sich ja ab der zweiten Verhandlungsrunde bis zum Ende nur minimal unterschieden. Es war immer wieder der Druck auf eine lange Laufzeit, dann hat man mal so ein wenig variiert, aber nur um Nuancen. Das hat’s relativ einfach gemacht, denn die Menschen haben dir klipp und klar gesagt: Der verarscht uns! Und sie haben auch gesagt: Wir wissen zwar, dass das ganze Ergebnis auf 12 Monate utopisch ist, aber eine lange Laufzeit wollen wir nicht. Ich habe auch mit Menschen gesprochen, ich wusste oder die mir von vornherein gesagt haben, dass sie keine Gewerkschaftsmitglieder sind. Trotzdem haben wir die mit befragt und haben das auch mit aufgenommen, da waren die auch beeindruckt von.

Das ist wichtig, dass ihr auch die Nicht-Gewerkschaftsmitglieder befragt habt, oder?

Ja, aber auch da gab es kritische Stimmen. Wir haben auch deren Meinung ernstgenommen, auch wenn sie vom Mainstream abgewichen ist, wir haben gesagt: Deine Meinung, deine Entscheidung. Am Ende werden wir sehen, für was wir eine Mehrheit haben, das ist der demokratische Prozess. Da hat man bei vielen auch eine Erleichterung gemerkt, das hat auch dem gesamten Prozess gutgetan. Da gibt es zum Beispiel einen Kollegen, da weiß ich gar nicht, warum der kein Gewerkschaftsmitglied sein will, denn das Herz hat der komplett am rechten Fleck. Der hat mir versprochen, dass er da ist, wenn wir streiken, auch wenn er kein Streikgeld kriegt. Und er war der erste Mensch, den ich beim 24-Stunden-Streik begrüßt habe: Hey, Christian, hier bin ich. Und der ist echt stark und stabil dabei gewesen, weil er trotzdem das Verständnis fürs Kämpfen hat. Schon sehr geil.

Wie schon gesagt: Die Mitgliederbefragungen und die Abfragen der Tarifbotschafter haben ein einheitliches Bild abgegeben. Da hat sich dann auch bei den Kritikern des Tarifbotschafter-Systems so eine Situation eingestellt: Oh, kacke, das funktioniert ja scheinbar doch… Und gar nicht so schlecht!

Wir sehen ja insgesamt einen Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften und verschiedene Wege, damit umzugehen. Teils wird da dann zum Beispiel mit Benefits geworben. Eure Erfahrung zeigt eher: darum geht es den Leuten gar nicht, oder?

Bei so einer Massengewerkschaft wie der ver.di ist eine große Überschrift immer die Sozialpartnerschaft. Da kann sich jeder selbst ausmalen, was darunter passiert ist. Meiner Auffassung nach, und ich bin Gewerkschaftsmitglied seit vielen, vielen, vielen Jahren, ist die non existent! Das ist in vielen Branchen meiner Auffassung nach ein Todverwalten mit diesen Benefits und so einem Käsekram. Die Bedürfnisse der Menschen, die in den Bereichen arbeiten, die werden gar nicht wahrgenommen. Das ist eine Entfremdung des gewerkschaftlichen Gedankens, so sag ich’s mal. Da kommen wir dann wieder auf die, auf die Rückkopplung zurück, weil da drehen wir das wieder: Wir gehen in die Basis, wir nehmen die Basis mit, die Basis entscheidet mit und das setzt wieder den Keim für das Verständnis von Gewerkschaft. Das ist eine Organisation von Arbeiter und Arbeiterinnen ist und nicht von irgendwelchen Leuten, die dann irgendeine Sozialpartnerschaft postulieren. Die funktioniert nur, wenn’s der Wirtschaft gut geht oder der Staat im Wachstum ist, nach diesem kapitalistischen Gedanken. Dann sagen sie sich: Wir haben genug Spielgeld, machen wir mal einen auf toll. Dann funktioniert Sozialpartnerschaft. Aber das ist nichts anderes als: Der genügsame Herr ist gnädig. Das ist Bullshit. Alle, die sich darauf noch berufen, erkennen die Zeichen der Zeit nicht.

Wie hat sich die Lohnrunde dann weiterentwickelt? Wie liefen die Streiks? Und wann haben die Kollegen entschieden: Jetzt sind wir okay mit dem Angebot?

Also die Streiks haben wir ein bisschen aus der Hand gegeben tatsächlich. Wenn wir das mit einem größeren Kreis geplant haben, dann ist das immer schnell bei den Arbeitgeberkreisen gelandet und die konnten darauf reagieren. In dem Zuge haben wir dann in der BTK beschlossen, dass das das Hauptamt macht. Hat trotzdem irgendwie nicht ganz ausgereicht, aber egal, ist halt so. Dann hatten wir einen 24-Stunden-Warnstreik, um nach der zweiten Verhandlungsrunde zu signalisieren: Pass mal auf, mit dem Käse, mit dem du hier um die Ecke gekommen bist, sind wir überhaupt nicht einverstanden. Der lief gut, der lief sehr gut, hat auch Spaß gemacht und eine hohe Beteiligung gehabt. Wir haben ja auch Schichtsysteme, das heißt, du musst dann wirklich rund um die Uhr da sein. Wir haben uns auch mit den Unternehmen, die nicht so viele Beschäftigten haben, ausgetauscht und die dann auch unterstützt, sind hingefahren und so weiter. Einmal sind wir mit einer spontanen Autokorso-Aktion zum Südwestterminal gefahren, wo es ganz krasse Angriffe durch den Arbeitgeber gibt. Das ist besonders wichtig, weil es im Hafen viele Unterschiede gibt auch in den angewandten Verträgen und den Zulagen je nach Betrieb. Das ist uns die letzten Jahre häufiger auf die Füße gefallen, aber dieses Mal waren die Leute mit am Start und eingebunden. Die haben sich gut aufgehoben gefühlt und auch die Aktion, wo wir lautstark auch bei denen vorm Werkstor waren, haben die total gefeiert. Die haben sich tausendfach bedankt, das war wunderschön.

Du brauchst immer einzelne Charaktere, die sich sagen: Ah, ich hab ne geile Idee und ich organisiere selbst mal was! Die sind wirklich ins Laufen gekommen – aus meiner alten Firma zum Beispiel haben sich einige ein kleines Lager auf dem Zeltblatt aufgebaut – mit Campingbänken und Grills, komplett versorgt, komplett stabil, und sind den ganzen Tag da gewesen. Da konntest du immer hingehen, da war immer Stimmung, da war immer Laune. Sowas gab es viel.

Zum Abschluss kam die ganze Geschichte mehr oder weniger aus der BTK heraus. Du hattest seitens des Arbeitgebers keine Bewegung in den Angeboten und am Verhandlungstisch war da, das ist auch immer noch meine Auffassung, nicht mehr möglich. Also, hätten wir noch mehr Druck auf die Straße bringen müssen, um ihn wirklich dazu zu zwingen. So. Und in dem Zuge haben wir uns dann nach der vierten Verhandlungsrunde dazu entschieden, eine Mitgliederbefragung unter Maßgabe einer Urabstimmung zu machen. Das heißt: Hätten wir das Quorum für eine Urabstimmung gehabt, dann wäre das in den Bundesvorstand zur Abstimmung gegangen und hätte als Urabstimmung gelten können. Dann hätte es in unbefristete Streiks gehen können. Das haben wir leider knapp verfehlt. Da haben wir wahrscheinlich auch einen Fehler gemacht, darüber waren wir uns einfach nicht im Klaren.

Wir haben die Abstimmung über zwei Wochen gemacht. Du musst immer einen Hauptamtlichen an der Urne haben. Wir haben eine Abwesenheitsquote festgelegt, die ist schon deutlich höher als im bundesweiten Durchschnitt gewesen, aber erfahrungsgemäß ist sie halt im Hafen nochmal höher, aber naja. Dadurch haben wir es knapp verpasst, sag ich mal so, ne.

Also wegen der zu niedrig angesetzten Abwesenheitsquote?

Ja, da scheint es irgendwo auch einen Spielraum dazu zu geben. Hundertprozentig kann ich’s dir nicht beantworten, muss ich ganz ehrlich sagen. Es gibt Bereiche bei denen reichen von den befragten Mitgliedern 75 Prozent. Da hast du dann halt auch so Situationen, wo du vielleicht nicht mal die Hälfte aller Mitglieder befragt hast. Bei uns ist die Maßgabe eine andere gewesen und dementsprechend die Hürde halt auch deutlich höher. Die Abwesenheit hat man noch mal korrigiert, zu unseren Gunsten, aber das hat aber auch halt nicht ausgereicht in der Gesamtbeteiligung. Hilfreich wäre es wahrscheinlich gewesen, wenn wir im Anschluss noch mal eine digitale Abfrage gemacht hätten. Darüber waren wir uns nicht im Klaren – da muss man auf jeden Fall seine Lehren draus ziehen.

Wie war denn das Ergebnis der Urlaubstimmung?

Wir haben 77 Prozent der Mitglieder erreicht. Die Befragung richtete sich nur nach Annahme oder Ablehnung des letzten Angebotes, weil das mit der längeren Laufzeit ja durch die Rückkopplung schon zweimal abgelehnt wurde. Den Fehler haben wir schonmal gemacht, dass wir zwei Angebote in die Abfrage gegeben haben, das hat für eine krasse Spaltung gesorgt.

In diesem benannten Mechanismus brauchst du dann 75 Prozent der Mitglieder, die sagen: Ablehnung und Streik! Wir waren mit der Beteiligung bei einer Ablehnung von um die 60 Prozent. Das reicht natürlich leider nicht aus. Hättest du es nicht von den Gesamtmitgliedern runtergerechnet, sondern von denen, die sich beteiligt haben, dann hätten wir die Urabstimmung knapp geschafft.

Und wie sieht der Abschluss insgesamt aus?

Wir haben die zwölf Monate Laufzeit verteidigt, 3,4 Prozent Lohnerhöhung und 200 Euro Urlaubsgelderhöhung. Dazu kommt eine Pauschale für die A-Betriebe von 416 Euro. Das ist wieder mal so eine Differenzierungsmaßnahme im Lohntarif. Bei uns unterscheidet man zwischen A- und B-Betrieben. A-Betriebe sind die Vollcontainerbetriebe. B-Betriebe, das ist der konventionelle Umschlag, wo Hafenumschlag ursprünglich herrührt, also Stückgüter, Schüttgüter und alles, was noch nicht standardisiert ist. Von so einer Pauschaleprofitieren dann eben nur einige Kollegen, weil man die eben in Abhängigkeit zu vermeintlichen wirtschaftlichen Leistung der Unternehmen setzt. Da stehen Vollcontainerbetriebe halt meist auch finanziell besser da, weil da mehr Geld im Umlauf ist. 2024 haben wir, weil wir diese Differenzierung als Problem sehen, den Betrag aus der Pauschale auf die Tabelle umgewandelt. Das ist effektiver, denn wenn du das tabellarisch halt hast, dann hast du natürlich bei jeder Lohnrunde einen Profit nachher davon. Das ist dieser Zinseszinseffekt, das hatten wir schon mal geschafft, allerdings wurde die A-Zulage jetzt natürlich wieder aufgepumpt und sorgt natürlich logischerweise auch immer wieder für Unmut und viel Diskussion. Da müssen wir überlegen, wie man die Differenzierung immer weiter abbauen kann.

Das Ergebnis kann man in Anbetracht der Laufzeit trotzdem als einen Erfolg werten, der auch für andere Bereiche Hoffnung geben kann, oder?

Total! Das ist auch das Maßgebende hier: Wir haben die zwölf Monate verteidigt und das Tarifbotschafter-System etabliert. Das ist natürlich nochmal verbesserungsfähig und wir diskutieren schon, wie wir das das hoffentlich fürs nächste Mal noch weiter verbessern!

Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen und Erfolge für dich auch gesamtgesellschaftlich?

Es kristallisiert sich für mich in den letzten Jahren, sei es medial oder auch hier im Hafen, immer wieder heraus, dass Diskussionen gar nicht mehr solche sind. Es dreht sich immer viel um Absolutismen und artet dann irgendwie in Streits oder verbalen Ohrschellen aus, gerade wenn es um politische Themen geht.

Es gibt auch eine krasse Radikalisierung, gerade im rechten Spektrum, Mit rechter Politik meine ich nicht nur rein faschistische oder nationalsozialistische Politik, sondern da zähle ich auch schon Kräfte wie CDU, CSU oder FDP auf jeden Fall mit rein, die immer freizügiger nationalistisch sind. Im Hafen verdienen wir halt auch ganz gutes Geld und manch einer fühlt sich dadurch halt gebauchpinselt oder bessergestellt – bist du natürlich auch in einem Moment. Aber es ist meine Erfahrung, und ich habe auch einige Stationen im Hafen durchlaufen, dass sich das von heute auf morgen ändern kann, du nicht mehr so viel verdienst und dann bist du halt nicht mehr der Prinz, sondern ein stinknormaler Mensch wie jeder andere auch. Dieses Bewusstsein ist den Menschen abhandengekommen. Aber meine Erlebnisse jetzt in der Tarifrunde waren doch vermehrt, dass die Menschen wieder die Möglichkeit gefunden haben, miteinander vernünftig zu sprechen, vernünftig zu diskutieren, vernünftig Meinung austauschen und sich trotzdem zu respektieren für die jeweilige Meinung oder trotz der jeweiligen Meinung zumindest im Thema Lohnrunde zu einem gemeinsamen Punkt zu kommen. Das hat man auch in der Debatte um die Differenzierung und die soziale Komponente gemerkt – das fand ich sehr beeindruckend. Gerade die Menschen, die die höchste Lohngruppe haben, die also Profiteur sind von der gesonderten Zulage, die sagen: Weißt du was, Christian, ich scheiß‘ auf die A-Zulage, wenn wir im Ergebnis was für unteren Lohngruppen hinkriegen. Das war nicht die gesamte Masse, aber trotzdem, ich fand’s beeindruckend wie viele von sich aus, ohne, dass du die in irgendeiner Form beeinflusst hast, die Entscheidung für sich selber getroffen haben: Ich möchte solidarisch sein! Das ist dieser zarte Keimling und das braucht noch alles ein bisschen zum Wachsen und ein bisschen Zeit, aber da bin ich guter Dinge.

Vielen Dank für das Interview!

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