Es ist früher Morgen, der erste Tag vom Opferfest. Am Streikposten vor einer der Vivantes-Töchter treffen sich wie jeden Tag die Kolleginnen und Kollegen, die Wochenlang ihre Arbeit niedergelegt haben. Zwei von ihnen kommen heute etwas später als sonst. Sie haben es vorher angesagt: Sie gehen zum Gebet.
Während die Gruppe noch über die letzten Verhandlungsrunden spricht, kommt ein Kollege von der Müllabfuhr dazu. Er sagt, er hat heute auch dafür gebetet, dass sie den Streik gewinnen. Dann hält er seine Hände hoch. Rote Punkte, an den Handflächen, auch an den Füßen. Eine Hautreizung, vermutlich eine Berufskrankheit, entstanden durch jahrelangen Kontakt mit dem, was im Müll steckt, mit Chemikalien, mit der schieren körperlichen Abnutzung dieser Arbeit.
Er erklärt, genau deswegen sei er hier. Nicht nur wegen des Geldes. Er will gesehen werden. Er will, dass jemand anerkennt, dass er seinen Körper für diese Arbeit aufopfert, jeden Tag, mit Händen und Füßen, die das beweisen.
Diese Szene sagt mehr über den Streik bei Vivantes als jede Pressemitteilung. Denn hier zeigt sich, was Arbeitskraft unter dem Kapitalismus tatsächlich bedeutet. Ein Körper, der sich abnutzt, damit ein Krankenhauskonzern funktioniert, und der dafür nicht einmal den Lohn bekommt, der ihm zustehen würde, wäre er direkt beim öffentlichen Dienst angestellt.
An diesem Morgen ist es der 36. Tag des Streiks bei den Vivantes-Tochterunternehmen.
Der Kampf ist noch nicht beendet
Mittlerweile nach 60 Tagen Streik liegt ein Tarifergebnis für die rund 2.200 Beschäftigten der Tochterfirmen vor. Einen „hart errungenen Kompromiss in schwierigen Zeiten“ nannte ihn die Verhandlungsführerin von Verdi. Die Entgelttabellen werden bis Juli 2031 stufenweise auf 100 Prozent des TVöD-Niveaus angehoben (von bislang 91 bzw. 96 Prozent). Ausserdem werden die Zulagen erhöht und die Arbeitszeit zum 1. Dezember 2030 bei vollem Lohnausgleich auf 38,5 Stunden gesenkt. Die zentrale Forderung der Beschäftigten wurde allerdings nicht umgesetzt und die Ungleichbehandlung der Belegschaft damit nicht gelöst. So enthält die Tarifeinigung weiterhin keine betriebliche Altersversorgung, wie sie für die Beschäftigten des Mutterkonzerns selbstverständlich ist und von den Streikenden mit Nachdruck eingefordert wurde.
Damit hält die Landesregierung ihr versprechen die Rückführung der Tochtergesellschaften in den Mutterkonzern umzusetzen nicht ein, denn das hätte die vollständige Gleichstellung der Beschäftigten bedeutet.
„Wir sind stolz auf das Erreichte. Aber unser Kampf für gleiche Arbeitsbedingungen und gegen die Zwei-Klassen-Belegschaft bei Vivantes ist noch nicht beendet.“
(Sporttherapeut und Mitglied der ver.di Tarifkommission)
Wer sich für wen aufopfert
Geschichten wie die vom Kollegen mit den roten Punkten an Händen und Füßen zeigen, worum es bei diesem Streik wirklich geht. Nicht nur um ein paar Euro mehr im Monat, sondern um die Frage, wessen Arbeit als wertvoll gilt und wessen Körper sich unsichtbar verschleißen darf. Es sind oft Arbeiterinnen und Arbeiter mit Migrationsgeschichte oder -Erfahrung, die in diesen unterbezahlten Bereichen des Gesundheitssystems arbeiten, dort, wo körperliche Belastung am höchsten und tarifliche Absicherung am schwächsten ist. Ihre Arbeitskraft hält ein öffentliches Krankenhaussystem aufrecht, das ihnen selbst nicht den gleichen Schutz gewährt, den es ihren direkt angestellten Kolleginnen und Kollegen gibt. Die eigentliche Frage, die dieser Streik aufwirft, lautet, warum ein Gesundheitssystem, das auf der Ausbeutung genau dieser Körper aufgebaut ist, sich noch immer weigert, das anzuerkennen.




