Die Zeit der Sommermärchen ist vorbei

Fußball bewegt Millionen – doch die WM 2026 zeigt deutlicher denn je, dass hinter dem Turnier vor allem Profit, Ausgrenzung und politische Interessen stehen.

Die beliebteste Sportart in Deutschland ist Fußball – und trotzdem sagen 37 Prozent der Deutschen laut einer Umfrage des ARD, dass sie „gar kein Interesse“ an der Fußball-Weltmeisterschaft haben. Weitere 30 Prozent äußern nur „wenig Interesse“. Die Stimmung, die das Sommermärchen 2006 gebracht hatte, suchen auch die größten Fußballfans vergeblich.

Fußball ist nicht einfach nur Fußball. Er ist Gemeinschaft, Erinnerungsraum, kollektives Gefühl. Bei Großsportereignissen wie der Weltmeisterschaft wird versprochen, Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden. Viele erinnern sich an vergangene Weltmeisterschaften und die Stimmung damals. Wer jetzt 30 ist, der war damals ca. elf Jahre alt. Elf Jahre sind ein seltsam perfektes Alter, um Fußball zu lieben. Man ist bereits alt genug, um dem Spiel zu folgen. Man bemerkt die Eleganz, mit der ein Spieler den Ball annimmt, das Außergewöhnliche in der Parade des Torhüters, die Fangesänge auf den Tribünen, die wie ein Tor zu einer anderen Welt wirken. Die Geldverhältnisse hinter dem Fußball, die Übertragungsverträge, die Art, wie Turniere vermarktet werden, wie aus Stars Marken gemacht werden – all das kennt man noch nicht in seinem vollen Gewicht. Deshalb ist ein Fußballspiel für einen Elfjährigen einfach ein Fußballspiel.

In diesem Alter sind vier Jahre keine kurze Zeit. Zwischen zwei Weltmeisterschaften wird man beinahe zu einem völlig anderen Menschen. Die WM ist deshalb wie eine große Uhr, die die Übergangspunkte zwischen Kindheit und Erwachsenwerden markiert. Doch wenn man älter wird, verändert sich der Fußball dann, oder verändert sich der Standpunkt, von dem aus man ihn betrachtet? Beides. Von WM zu WM steigt der Anteil an Vermarktung, „Sportswashing“ und das Auspressen jeder Form von Profiten. Das heißt aber nicht, dass die früheren Weltmeisterschaften davon befreit waren. Vertreibung von Menschen aus ihren Wohnorten, illegale und unmenschliche Arbeitsbedingungen und Ausbeutung: All das kennen wir schon aus Südafrika, Brasilien, Katar etc… – es tritt nur jedes Mal offensichtlicher zutage. Es ist dieselbe kindliche Naivität, mit der wir die Weltmeisterschaften von damals betrachtet haben, verleitet, sie zu romantisieren. Aber das Leben zu verstehen bedeutet auch, die Mechanismen hinter dem Zauber zu erkennen. Und sobald man sie gesehen hat, fällt es schwerer, sich dem Flug des Balls vollständig hinzugeben.

Hinter dem Fest steht eine Maschinerie, die mit gemeinschaftlicher Kultur wenig und mit Kapitalverwertung sehr viel zu tun hat. Die FIFA erwartet für die WM 2026 Einnahmen von rund 9,27 Milliarden Euro – das lukrativste Einzelsportereignis der Geschichte. Die Gesamtausgaben aller Austragungsstädte für Logistik und Sicherheit werden auf weitere 12 bis 13 Milliarden US-Dollar geschätzt. Kosten, die nicht die FIFA trägt, sondern die öffentliche Hand. Der Verband kassiert, die Bevölkerung zahlt. Das Ticketregime macht das besonders sichtbar: Auf der offiziellen FIFA-Resale-Plattform tauchten Angebote bis zu 1,9 Millionen Euro pro Finale-Ticket auf. Auf die Kritik antwortete FIFA-Präsident Gianni Infantino, die Amerikaner hätten sich eben an teure Tickets gewöhnt. Derselbe Infantino lässt sich in Zeiten des Klimawandels und einer weltweiten Hitzewelle mit seinem Privatjet durch die Gastgeberstädte chauffieren. Binnen einer Woche setzte die Maschine rund 200 Tonnen CO₂ frei – das Zwanzigfache dessen, was ein durchschnittlicher Deutscher im ganzen Jahr verursacht.
Auch beim Breitensport kommt von all dem Glanz und all den „Investitionen“ nichts an. Die wachsende Einflussnahme von Finanzinvestoren und der Fokus auf Profit führen zur mangelnden Förderung unrentabler Bereiche wie dem Amateur- und Nachwuchssport. Stadien werden für Milliarden renoviert, während Vereine in Stadtteilen um kommunale Fördergelder kämpfen und Jugendtrainer ehrenamtlich arbeiten.
Die politischen Umstände dieser WM bringen eine weitere, besonders offensichtliche Form der Entfremdung von dem Turnier mit sich. Auf dem Rasen repräsentiert das Turnier gelebte Multikulturalität: 48 Nationen, Spieler aus aller Welt, Fußball als globale Sprache. Doch dieser Anspruch steht in krassem Gegensatz zur politischen Realität im größten Gastgeberland. Mehr als 120 Organisationen – darunter Amnesty International und die ACLU – warnten vor Turnierbeginn vor einem verbreiteten „Klima der Angst“. Tausende Fans aus Haiti, dem Iran, dem Senegal und der Elfenbeinküste konnten die Spiele ihrer Mannschaften aufgrund von Reiseverboten und restriktiver Visapolitik nicht im Stadion verfolgen. Allein im Jahr 2025 wurden eine halbe Million Menschen aus den USA abgeschoben, 43 starben zwischen Januar 2025 und März 2026 in ICE-Gewahrsam.
Auch Schiedsrichter blieben nicht verschont. Omar Artan, seit 2018 FIFA-Schiedsrichter und 2025 vom afrikanischen Kontinentalverband CAF zum Schiedsrichter des Jahres gekürt, wurde nach elfstündiger Befragung am Flughafen Miami zurückgewiesen. US-Behörden beriefen sich auf eine angebliche Verbindung zur somalischen Miliz Al-Shabaab – Artan reiste mit Diplomatenpass und gültigem Visum ein. Er lehnte die FIFA-Entschädigung ab: Er habe nicht Geld gewollt, sondern das Recht, bei der WM zu pfeifen und sein Land zu repräsentieren. All die Verschleierungen und die Vermarktung der WM als Turnier des globalen Zusammenhalts hält dem immer aggressiver werdenden Nationalismus des Gastgeberstaates USA nicht stand.
Und was passiert in Deutschland? Während die WM ein nationales Gemeinschaftsgefühl beschwören soll, plant die Bundesregierung den größten sozialpolitischen Angriff auf die Arbeiterklasse seit der Agenda 2010. Der eigentliche Grund, warum auch diese WM weit entfernt von einem Sommermärchen bleibt, liegt darin, dass es immer schwieriger wird, ein Märchen von einer Welt zu erzählen, die es so nie gab.

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