Gibt es die Arbeiterklasse in Deutschland noch?

Arbeiter, Klassengesellschaft, Ausbeutung – das klingt für viele nach etwas aus vergangenen Jahrhunderten, aus der Zeit der Industrialisierung oder vielleicht aus anderen Ländern.

Heute – so heißt es – leben wir in einer Mittelstands-, Dienstleistungs- oder Risikogesellschaft. Die Gesellschaft sei nicht mehr nach Klassen, sondern höchstens nach Schichten oder Milieus strukturiert. Seit Jahrzehnten verkünden bürgerliche Medien und Sozialwissenschaftler das Verschwinden der Arbeiterklasse. Aber wenn wir die uns die Gesellschaft anschauen, dann haben sich zwar die Zusammensetzung und Tätigkeiten der Arbeiterklasse geändert, aber ihr Wesen ist gleichgeblieben. Millionen Menschen arbeiten weiterhin für Lohn, ohne über Produktionsmittel zu verfügen, ohne über ihre Arbeit zu bestimmen und ohne von ihr wirklich reich zu werden. Sie halten diese Gesellschaft am Laufen — und kommen selbst oft kaum über die Runden.

Aber was meinen wir, wenn wir von ArbeiterInnen und Arbeiterklasse sprechen?

Wenn heute von ArbeiterInnen gesprochen wird ist häufig unklar, wer damit eigentlich gemeint ist. Oft wird zwischen ArbeiterInnen und Angestellten unterschieden, womit gemeint ist, ob ein Lohn (stundenbasiert) oder ein Gehalt (monatlicher Fixbetrag) gezahlt wird. Diese Unterscheidung sagt aber real kaum etwas aus, denn wer ein Gehalt statt eines Lohns bekommt, ist nicht automatisch bessergestellt oder hat eine andere Position in der Gesellschaft – gehört also nicht automatisch zu einer anderen gesellschaftlichen Klasse.
Entscheidend ist etwas anderes: die Stellung zu den Produktionsmitteln. Marx und Engels verstanden unter Arbeiterklasse, wer über keine Produktionsmittel verfügt und deshalb gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Kapitalisten sind dagegen diejenigen, die Fabriken, Maschinen, Grundstücke oder anderes Eigentum besitzen und Arbeitskraft kaufen, um daraus Profit zu schlagen. Im Kern heißt das: Die einen leben davon, dass sie arbeiten müssen, die anderen davon, dass sie Arbeit ausbeuten können.
Lenin präzisierte dies 1919 zu einer allgemeinen Definition, die auch heute noch aktuell ist: „Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils von Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft“.
Wer seine Arbeitskraft gegen Lohn tauscht, keine entscheidende Kontrolle über den Produktionsprozess, heißt darüber zu entscheiden, was wie und wann etwas produziert wird, besitzt und keine Rücklagen hat, die ihn jederzeit unabhängig von Lohnarbeit machen könnten, der ist Teil der Arbeiterklasse. Die meisten Angestellten gehören somit ebenfalls zur Arbeiterklasse, solange sie keine Verfügung über den Produktionsprozess und keinen nennenswerten Anteil am Reichtum haben, den sie mitproduzieren. Denn entscheidend ist weder die Jobbezeichnung noch die Tätigkeit selbst, ob eine Dienstleistung oder materielle Ware produziert wird, sondern ob jemand, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesen ist und das Ergebnis seiner Arbeit ihm nicht selbst gehört. Entsprechend sind nicht nur Fabrikarbeiter Teil dieser Klasse. Auch Pflegekräfte, VerkäuferInnen, LagerarbeiterInnen, Bürokauffrauen oder Beschäftigte in der Logistik gehören dazu, sofern sie abhängig beschäftigt sind und für den Profit anderer arbeiten. Der Unterschied liegt nicht zwischen „Industrie“ und „Dienstleistung“, sondern zwischen Lohnarbeit und Verfügung über Arbeit.

Schauen wir uns die Zahlen für Deutschland an

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: In Deutschland heute mehr der 15- bis 65-jährigen erwerbstätig als je zuvor. Das liegt vor allem am massiven Anstieg der Erwerbstätigkeit der Frauen, die in den letzten 40 Jahren von ca. 55% auf 74% gestiegen. Unter Männern blieb die Erwerbstätigenquote in den letzten Jahrzehnten relativ konstant um die 80% (WSI GednerDatenPortal). Das Statistische Bundesamt zählte 2025 rund 46 Millionen Erwerbstätige, davon knapp 42 Millionen Arbeitnehmer. Aber macht sie das schon zur Arbeiterklasse? Nein. Denn in die statistische Kategorie Arbeiternehmer fallen erstmal alle, die in einem Lohnverhältnis arbeiten (also Lohn oder Gehalt beziehen), also ArbeiterInnen wie auch Führungspersonal oder Elitesoldaten.
Damit stoßen wir auf ein Problem: Die Kategorien der bürgerlich soziologischen Erhebungen über die Sozialstruktur sind oberflächliche Kriterien wie Einkommensart oder Höhe des Einkommens und Vermögens, geben aber häufig sehr wenig Aufschluss über die tatsächliche Stellung der Personen zu den Produktionsmitteln und ihrer Entscheidungsmacht im Produktionsprozess. Auch wenn die statistischen Kategorien unscharf sind, liefern sie uns aber doch auch Hinweise darauf, wie die Klassenverhältnisse in Deutschland grob aussehen, unter welchen Bedingungen gelebt und gearbeitet wird.

Dienstleistungsgesellschaft?

Oft wird behauptet, die Arbeiterklasse sei schon deshalb verschwunden, weil die Industrie nicht mehr den größten Teil der Beschäftigung ausmacht. Heute, so die Erzählung, sei Deutschland eine Dienstleistungsgesellschaft. Aber wenn man sich es genauer anschaut, sind daran mehrere Dinge ungenau bis falsch.
Es stimmt, dass der Dienstleistungssektor in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen ist, während der Anteil das Beschäftigen in der Industrie bzw. produzierenden Gewerbe (inkl. Baugewerbe) von 58% im Jahr 1950 auf ca. 25% 2025 zurückgegangen ist. In Zahlen sind das heute noch 10 Millionen Menschen, während im Dienstleistungssektor 32 Millionen arbeiten.
Dabei ist der Anteil des produzierenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich weniger als die Beschäftigtenzahl gesunken und liegt seit einigen Jahren relativ konstant zwischen 23-30%. Das Sinken ist dabei nur auf den Anstieg des Volumens der Dienstleistung zurückzuführen, nicht auf einen reellen nominalen Rückgang der Industrie an der Wertschöpfung. Im Gegenteil: Der industrielle Produktionswert ist von 1991 bis 2020 um 81 Prozent gestiegen. Anhand dieser Zahlen lässt sich feststellen: ja, der Dienstleistungssektor ist gewachsen. Aber gleichzeitig ist die Industrie nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil: im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Industrie in Deutschland weiterhin zentral, sowie in der Wertschöpfung als auch für Arbeitsplätze. Noch immer arbeiten Millionen Menschen im produzierenden Gewerbe, und noch immer trägt die Industrie erheblich zur Wertschöpfung bei. Dass heute weniger Menschen dort beschäftigt sind als früher, liegt vor allem an Produktivitätssteigerungen. Mit weniger Arbeitskraft wird mehr produziert.
Hinzu kommt, dass die Grenze zwischen Industrie und Dienstleistung oft künstlich gezogen ist. Viele Tätigkeiten, die unmittelbar zur Produktion gehören, tauchen in der Statistik als Dienstleistungen auf, sobald sie auf andere Firmen ausgelagert werden. Reinigung, Logistik, IT-Support oder Kantinenbetrieb erscheinen dann nicht mehr als Teil der Produktion, obwohl sie für diese unverzichtbar sind. Das Anwachsen oder Schrumpfen von Sektoren und Verschiebungen innerhalb der Wertschöpfung beweisen nicht die Auflösung der Arbeiterklasse, sondern nur eine Veränderung dieser.

Mittelstands- und Leistungsgesellschaft?

Ein weiteres Argument, das häufig als Beleg für die These des „Verschwindens der Arbeiterklasse“ ins Feld geführt wird: Den Menschen in Deutschland gehe es doch insgesamt gut. Es gebe kaum noch echte Armut, sozialer Aufstieg sei für alle möglich, und wer sich anstrenge, könne es schaffen. Deutschland sei eine Mittelstandsgesellschaft, in der das Leistungsprinzip gelte.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt anderes: Studien weisen darauf hin, dass die soziale Mobilität immer weiter sinkt und der Bildungsabschluss und das eigene Einkommen maßgeblich durch die sozialen Verhältnisse der Eltern vorbestimmt sind (ifo-Pressemitteilung vom 5.9.2025). Gleichzeitig wächst die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter. Während das BIP in den vergangenen Jahren immer weiter anwuchs, wuchs auch die Anzahl der Armutsgefährdeten. Aktuell sind 16% der Menschen in Deutschland armutsgefährdet.
Auch zeigen die Zahlen, dass die große Mehrheit in Deutschland kein Vermögen besitzt, was sie von der Lohnarbeit befreien würde. Der Großteil der Deutschen hat Schulden (9%), kein (20%) oder ein Vermögen zwischen 1.000 bis 50.000€ (38%). Im Gegensatz dazu besitzen die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland zusammen etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens, netto, also abzüglich Schulden.
Auch das Einkommen der meisten reicht nicht über das hinaus, was es durchschnittlich braucht, um sich selbst und seine Familie zu versorgen: Miete, Essen, Sprit und ab und zu mal einen Urlaub. Der mittlere Bruttojahresverdienst (Median) für Vollzeitbeschäftigte in Deutschland lag 2025 laut Statistischem Bundesamt bei 54.066 Euro. Für einen kinderlosen Single (Steuerklasse I) entspricht dies einem Netto-Median von ca. 2.600 € bis 2.650 € monatlich. Das mittlere Nettoeinkommen der privaten Haushalte in Deutschland lag laut EU-SILC 2023 bei 41.126 €. Pro Monat wären das dann durchschnittlich 3.427 €.
Die durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten privater Haushalte 2023 berechnet durch die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) liegen bei durchschnittlich 3.032 Euro pro Monat. Das zeigt: Vielleicht reicht das Einkommen, um etwas für einen Urlaub oder eine größere Anschaffung zurückzulegen, doch nicht, um in absehbarer Zukunft rein von seinem Vermögen ohne Lohnarbeit leben zu können. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland besitzen weiterhin nichts außer ihre Arbeitskraft um sich (und ggf. ihre Familie) über den Verkauf dieser (also Lohnarbeit) finanzieren. Dass die ArbeiterInnen in Deutschland höhere Löhne haben als noch Anfang des 20 Jahrhunderts oder in anderen Ländern ist kein Beweis für eine Ende der Arbeiterklasse, sondern nur ein Ergebnis vergangener Klassenkämpfe sowie hoher Profite, von denen Teile dafür genutzt wurden, die Arbeiterklasse in imperialistischen Zentren durch einen vergleichsweise besseren Lebensstandard ins System zu integrieren.

Wir leben weiterhin in einer Klassengesellschaft und die Arbeiterklasse ist die größte Klasse

Die Arbeiterklasse ist nicht verschwunden, im Gegenteil, sie ist größer denn je. Sie arbeitet in Fabriken, Büros, Pflegeheimen, Supermärkten, Lagern, Callcentern und auf Baustellen. Sie produziert den Reichtum dieser Gesellschaft – besitzt ihn aber nicht. Oder wie Bertolt Brecht es formulierte: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah‘n sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Zwar hat sich die Zusammensetzung der Arbeiterklasse im Zuge wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen verändert, doch diese Veränderungen werden häufig übertrieben. Weder lässt sich von einem Ende der Industriearbeit noch von einer vollständig dominierenden „Dienstleistungsgesellschaft“ sprechen. Auch die Automatisierung hat empirisch nicht zu einem allgemeinen Verschwinden von Arbeitsplätzen geführt, sondern vielmehr zu deren Umstrukturierung und Verlagerung. Auch die immensen Produktivitätssteigerungen haben nicht zu einem Rückgang an Arbeit und Hebung des Wohlstands geführt, im Gegenteil steigt die Armutsgefährdung tendenziell an und von Arbeitgeberverbänden und Politik werden Arbeitszeitbegrenzungen wie der 8-Stunden Tag angegriffen.
Erzählungen, die das „Verschwinden“ der Arbeiterklasse behaupten und stattdessen von Milieus, Schichten, Mittelstand und Leistungsgesellschaft sprechen tragen dazu bei, dass sich Menschen nicht länger als Teil einer Klasse, der Arbeiterklasse, mit gemeinsamen Interessen begreifen. Dadurch wird eine Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse gefördert, was Solidarität und Zusammenschluss erschwert, einem kollektiven Klassenbewusstsein und Klassenkämpfen im Weg steht.

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