Jedes Jahr stehen Tarifverhandlungen für Millionen von Beschäftigten auf der Tagesordnung. Im Jahr 2026 werden die Löhne von insgesamt 10 Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern neu verhandelt. Während die Tarifrunden in den Branchen Chemie, Energie, Holzverarbeitung, Textil und im öffentlichen Dienst der Länder bereits abgeschlossen sind, laufen die Verhandlungen in anderen Bereichen wie Einzelhandel und Großhandel weiter bzw. stehen, wie bei Metall- und Elektroindustrie, Reinigung und Stahlindustrie, noch bevor.
Eingefrorene Löhne, steigende Inflation
Ein Blick auf die bisher abgeschlossenen Tarifverträge zeigt, dass fünf, sechs, sieben und sogar zehn sogenannte „Nullmonate“ sowie langfristige Verträge (zwischen 18 und 27 Monaten Laufzeit) auffallen. Diese „Nullmonate“, in denen die Löhne faktisch eingefroren bleiben, bedeuten in der Praxis, dass sich der Verlust der Reallöhne direkt auf die Geldbeutel der Beschäftigten auswirkt: Während die Tarifparteien die Löhne einfrieren, bleibt die Inflation nicht stehen. Derzeit liegt die Inflationsrate bei etwa 2,9 Prozent.
Im Chemiesektor, wo die ersten zehn Monate eines neuen Tarifvertrags als „Nullmonate“ gelten, wird die erste Lohnerhöhung erst am 1. Januar 2027 mit 2,1 Prozent und die zweite am 1. Januar 2028 mit 2,4 Prozent wirksam. Die Chemiegewerkschaft IG BCE erklärte bei der Unterzeichnung des Tarifvertrags, dass sie „bis an die Schmerzgrenze“ gegangen sei.
Auch in der vorherigen Tarifrunde war die Situation nicht anders. Damals führten die in verschiedenen Branchen abgeschlossenen Verträge ebenfalls zu einem Rückgang der Reallöhne. Dennoch zeichnete die Berichterstattung in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild: „Die Reallöhne der Deutschen sind im vergangenen Jahr erneut gestiegen: Im Vergleich zu 2024 um 1,9 Prozent, was das zweite Jahr in Folge einen Anstieg bedeutet“ (tagesschau, 27.02.2026: „Deutsche Reallöhne erneut spürbar gestiegen“).
Ein Blick auf den Tarifvertrag im Chemiesektor zeigt jedoch, dass dieser von Anfang an einen Reallohnverlust über 27 Monate bedeutet. Trotzdem wurde in den Medien berichtet, dass die Löhne in der Chemiebranche um „rund 4,5 Prozent“ gestiegen seien.
Oliver Heinrich, Vorstandsmitglied der IG BCE, äußerte sich vorsichtiger: „Job-Angst und Kaufkraftverlust prägen derzeit das Arbeitsleben vieler Beschäftigter in Chemie und Pharma – dem wollten wir in dieser Tarifrunde gerecht werden. Das war wirklich ein schwerer Kampf. Am Ende haben wir in beiden Forderungspunkten Bewegung erreicht.“ (IG BCE: „Bis zur Schmerzgrenze“)
Inflationsrate genauer betrachtet
In den vergangenen Jahren gab es einen außergewöhnlichen Kaufkraftverlust. Die Inflationsraten betrugen 3,1 Prozent im Jahr 2021, 6,9 Prozent im Jahr 2022, 5,9 Prozent im Jahr 2023, 2,2 Prozent im Jahr 2024 und erneut 2,2 Prozent im Jahr 2025; aktuell liegt sie bei 2,9 Prozent. Es ist wichtig zu erwähnen, dass das Statistische Bundesamt (DESTATIS) im Februar 2023 beschlossen hat, die Gewichtung des Warenkorbs zu überarbeiten und rückwirkend alle Daten zu aktualisieren. Beispielsweise wurden die Inflationsraten für die Jahre 2022 und 2023 nach der alten Berechnungsmethode mit rund 7,9 bzw. 6,9 Prozent angegeben.
Eine der bedeutendsten Änderungen im Warenkorb betraf laut DESTATIS die sogenannte Kategorie 04, also Wohnen, Wasser, Gas, Brennstoffe. Während der Anteil dieser Kategorie im Warenkorb, der auf das Basisjahr 2015 zurückgeht, 32,5 Prozent betrug, sank er im Basisjahr 2020 auf 25,9 Prozent In einer Zeit, in der Mieten und Nebenkosten kontinuierlich steigen und auch die Energiepreise zunehmen, scheint es offensichtlich, dass die Reduzierung dieses Anteils um 6,6 Prozent darauf abzielt, die Inflation insbesondere für Haushalte mit niedrigem Einkommen zu verschleiern.
Dabei sollte die Neugewichtung des Warenkorbs, die alle fünf Jahre durchgeführt wird, die aktuellen Konsumgewohnheiten in die Inflationsberechnung einfließen lassen, um ein realistisches Ergebnis zu erzielen.
Darüber hinaus wirkt sich die Inflationsrate auf Haushalte von Arbeitern unterschiedlich aus. Eine Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) des DGB zeigt, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders stark von der Inflation betroffen sind. Da diese einen Großteil ihres Einkommens für Wohnen, Energie, Treibstoff und Lebensmittel ausgeben, sind sie strukturell stärker von der Inflation betroffen.
Ein Blick auf die auf dieser Seite veröffentlichte Grafik verdeutlicht diese Tatsache: Während die allgemeine Inflation zwischen 2019 und 2025 um 25,9 Prozent gestiegen ist, sind die Lebensmittelpreise im gleichen Zeitraum um über 40 Prozent gestiegen. Betrachtet man hingegen die Löhne, so zeigt sich, dass die Reallöhne im gleichen Zeitraum um etwa 1,3 Prozent gesunken sind. Berücksichtigt man die Ungleichgewichte im Warenkorb und die Auswirkungen der Inflation auf Haushalte mit niedrigem Einkommen, wird deutlich, dass die Kaufkraft der Arbeiter in den letzten Jahren erheblich gesunken ist – nur ist dies nirgends festgehalten

Einmalzahlungen – eine Lösung?
Während die Arbeiterklasse in Tarifverhandlungen für eine dauerhafte Erhöhung ihrer Löhne kämpft, kämpft die Kapitalseite für eine Senkung der Löhne. Natürlich würde kein Kapitalvertreter offen zugeben, dass er mit dem Ziel verhandelt, die Löhne zu senken. Doch das monatelange Einfrieren der Löhne und anschließende Lohnerhöhungen unterhalb der Inflationsrate bedeuten faktisch eine Senkung der Reallöhne.
Wenn kämpferische Arbeiter und Vertrauensleute diese Situation feststellen und das Ergebnis anfechten, wird ihnen von Gewerkschaftsbürokraten und Arbeitgebervertretern oft entgegnet: „Aber ihr berücksichtigt die Einmalzahlungen nicht. Wenn ihr diese einbezieht, werdet ihr sehen, dass der Einwand unbegründet ist.“
Zunächst einmal ist festzustellen, dass „Einmalzahlungen“ nicht dauerhaft in die Löhne einfließen, keine Auswirkungen auf Überstundenvergütungen oder Urlaubsgeld haben und auch nicht in die Sozialversicherungsbeiträge einfließen. Sie gleichen einem Strohfeuer, das kurz aufflammt und dann erlischt!
Obwohl die Einmalzahlungen bei der Präsentation der Tarifergebnisse oft in den Vordergrund gestellt werden, wird ein Aspekt verschwiegen: Zum Beispiel, dass die Zahlung dieser Beträge von der finanziellen Lage des Unternehmens abhängt und möglicherweise verschoben oder gar nicht geleistet wird. Darüber hinaus hat ver.di in der letzten Tarifrunde z.B. durchgesetzt, dass diese Einmalzahlungen nur an Gewerkschaftsmitglieder ausgezahlt werden. Tarifverhandlungen, die eigentlich dazu dienen, die Arbeiter zu einen und die Lohnverhandlungen kollektiv zu führen, werden so ebenfalls ihrer Funktion beraubt.
Einmalzahlungen machen nur dann Sinn, wenn zuvor ein realer Lohnzuwachs erzielt wurde und sie als Bonus betrachtet werden können. In der derzeitigen Form können sie jedoch nicht einmal „ein Tropfen auf den heißen Stein“ sein.
Vorbereitung auf die kommende Tarifrunde
Die laufenden und in der zweiten Jahreshälfte 2026 anstehenden Tarifverhandlungen finden ebenfalls im Schatten wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen statt. Zwischen 2019 und 2025 sind die Reallöhne in Industrie- und Dienstleistungsbranchen gesunken, und dieser Trend hat sich auch in den 2026 abgeschlossenen Verträgen fortgesetzt.
Insbesondere in Niedriglohnbereichen (z. B. Reinigung, Gastronomie) und bei Kolleginnen und Kollegen, die nicht tarifgebunden sind, hat sich die finanzielle Situation erheblich verschlechtert. Je besser die in Branchen wie Chemie, Metall-Elektro (M&E), Stahl und Energie abgeschlossenen Tarifverträge ausfallen, desto besser wirken sie sich auch auf alle anderen Branchen aus. Auch in den Branchen, in denen knapp über den Mindestlohn gezahlt wird und die gewerkschaftlich schwach organisiert sind, wirken sich die zuvor genannten Tarifabschlüsse positiv auf die Lohnverhandlungen aus. Daher sollten in den kommenden Tarifverhandlungen folgende Themen in den Forderungen eine wichtige Rolle spielen:
Angesichts des hohen Potentials weiterer Steigerungen in den Lebenshaltungskosten, insbesondere bei Lebensmitteln und Energie, sollte in den Tarifverhandlungen 2026 im Bereich M&E ein Lohnzuwachs gefordert werden, der die Verluste der vergangenen Jahre ausgleicht und mindestens 4–5 Prozent realer Lohnerhöhung entspricht.
Um die Beschäftigten in Niedriglohnsektoren zu berücksichtigen und die Lohnunterschiede zwischen den Arbeitnehmern nicht weiter zu vergrößern, sollte statt einer prozentualen Erhöhung eine feste Lohnerhöhung (= Festgeldforderung) von beispielsweise 300 Euro pro Monat gefordert werden.
Um schneller auf wirtschaftliche Entwicklungen und Inflationsbewegungen reagieren zu können, sollte auf eine maximale Laufzeit der Tarifverträge von 12 Monaten bestanden werden.
Die Ausbildungsvergütungen und Löhne von Auszubildenden und jungen Beschäftigten sollten auf ein Niveau angehoben werden, das ein vom Staat und der Familie unabhängiges Leben ermöglicht. Zudem sollten Auszubildende nach Abschluss ihrer Ausbildung unbefristet übernommen werden.
Diskussionen an der Basis starten
Ein erfolgreicher Tarifabschluss beginnt mit einer guten Vorbereitung. Damit die oben vorgeschlagenen Forderungen in den Tarifkommissionen beschlossen werden können, müssen sie zunächst unter den Beschäftigten diskutiert und beschlossen werden. In allen Branchen, in denen Tarifverhandlungen bis Ende des Jahres anstehen, sollten diese Diskussionen jetzt beginnen, in den Betriebs- und Vertrauensleutetreffen beschlossen und über soziale Medien an die breite Öffentlichkeit kommuniziert werden.
Ein solcher Ansatz kann nicht nur positive Auswirkungen auf Betriebe und Unternehmen haben, in denen Diskussionen noch nicht begonnen haben, sondern auch erheblichen Druck auf die Gewerkschaftsführungen ausüben.
Nur auf diesem Weg können Gewerkschaften dazu gezwungen werden, ihre grundlegende Aufgabe zu erfüllen: die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu schützen und zu verbessern. Dies ist nicht nur notwendig, um die Reallöhne zu erhöhen, sondern auch, um die sozialen Angriffe des Kapitals und seiner Regierung zurückzudrängen.




