Das Siegerland erlebte am 26. Oktober eine der größten Demonstrationen der letzten Jahre. Angekündigt waren 2500 Teilnehmer. Bei Anbruch der Dämmerung zogen ca. 4000 Demo Teilnehmer vom Bürgerhaus bis zum Marktplatz des Siegener Stadtteils Geisweid bei der von der IG-Metall organisierten Demonstration.
Anlass war die geplante Umstrukturierung der Deutschen Edelstahlwerke. Die DEW hat in Deutschland fünf Produktionsstandorte, alle in NRW. Die Werke in Krefeld und Hagen sollen verkauft oder geschlossen werden, das Stahlwerk in Siegen Geisweid soll „pausieren“, was immer das heißen mag. Immerhin soll das Walzwerk erhalten bleiben. Die Stahlproduktion soll im Werk Witten konzentriert werden. Hauptaktionär der DEW, eingegliedert in das ebenfalls in Schieflage geratene Unternehmen „Swiss Steel“, ist der Schweizer Milliardär Martin Haefner. Auch bei der Schweizer Unternehmensgruppe AMAG, einer im Automobilhandel tätigen Schweizer Unternehmensgruppe, ist Haefner Hauptaktionär.
Anlass für die Kundgebung war die Ankündigung, bis zu 400 der insgesamt 1000 Arbeitsplätze beim Geisweider-Standort einzusparen. Dadurch, dass das Stahlwerk von vielen Schrotthändlern aus der Region beliefert wird, geht es hier um eine ganze Region und um den Verlust weiterer mittel- und unmittelbar betroffener Arbeitsplätze. Die Geschichte der Geisweider Eisenwerke (später dann Deutsche Edelstahlwerke) ist im letzten Jahrhundert eng verknüpft mit dem Zuzug ausländischer Arbeitskräfte. In der „Wirtschaftswunderzeit“ zogen tausende Menschen als Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei in die Region. Das Stahlwerk beschäftigte damals über 3000 Menschen. Heute wohnen im Stadtteil Geisweid fast 50% Menschen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen arbeiten über Generationen hinweg im Stahlwerk und haben das soziale und familiäre Leben in Geisweid entscheidend mitgeprägt. Nicht ohne Grund war auch die alevitische Gemeinde mit Transparent auf der Kundgebung vertreten.
Zur Demonstration gekommen waren Mitarbeiter, Betriebsräte und Gewerkschafter anderer Werke der DEW, um ihre Solidarität zu zeigen, ebenso zahlreiche Werktätige anderer Siegen-Wittgensteiner Unternehmen. In der ersten Reihe war auch Siegens Bürgermeister Tristan Vitt (SPD), der sein Gesicht zeigen musste, Landrat Andreas Müller (SPD) und NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) konnten sich das ganze auch nicht entgehen lassen. „Das Stahlwerk ist Teil der DNA von Siegen.“, so brachte Andree Jorgella von der IG Metall Siegen die Kernthese der Aktion auf den Punkt. Es geht hier um weit mehr als den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen. Im Siegerland wird seit Jahrhunderten Eisen produziert, hochwertiges Erz und Holzvorkommen machten das möglich. Schon in keltischer Zeit vor über 2500 Jahren wurde hier Eisenerz verhüttet. Heute wird hier der Stahl im Elektrostahlverfahren hergestellt. Dabei wird Stahlschrott mit Hilfe von elektrischem Strom eingeschmolzen. Dieses Verfahren ist hochmodern und ein richtiger Schritt in eine umweltschonende und energiesparende Produktion von Stahl.
Trotz dieser Modernisierungsmaßnahmen sei der Standort weiterhin nicht wettbewerbsfähig. Die Grüne Wirtschaftsministerin nahm dies zum Anlass, ihre Forderung nach einer Energiepreissubvention für energieintensive Unternehmen vor versammelter Mannschaft herauszuposaunen. Dass ein paar milliardenschwere Männer durch ihr Missmanagement und die Profitgier zum Stellenstreichungshammer greifen, kam von ihr nicht klar zum Ausdruck. Genauso wenig wie die fortschreitende Militarisierung, durch die deutscher Stahl trotz hoher Energiepreise aus “sicherheitspolitischen Gründen” dann doch wieder recht weit oben auf der Agenda steht. Im Zuge der Restrukturierung und Konzentration der Stahlproduktion im Werk Witten soll Witten zu einem „Kompetenzzentrum“ für Spezialstahl ausgebaut werden, das die Branchen für Luftfahrt und Rüstung mit diesem Stahl versorgt. Erinnert sei auch in diesem Zusammenhang an die Rolle des „Nationalsozialistischen Musterbetriebes“ Deutsche Edelstahlwerke, der auch mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen die damalige Rüstungsindustrie mit dem Rohstoff Stahl versorgte. Von diesen zukünftigen Plänen und auch historischen negativen Bezügen war bei den Reden auf dem Marktplatz Geisweid leider nicht die Rede, weder von der Politik noch von der Gewerkschaftsseite. Bei den Reden der Politiker wurde zwar einhellig dem Management und der Geschäftsführung die Schuld am Niedergang des Standortes zugesprochen, doch die Lösung war dann eher das Ziehen an einem Strick durch Arbeitnehmer und -geber. Das Zweitere den Strick dabei allerdings um den Hals der Kollegen winden und sie zum Spielball für ihre Profitziele machen, blieb bei den Politikern dann doch eher im Hintergrund.
Dass Demonstrationen und Widerstand nicht ganz zwecklos sind, zeigen die Proteste 2024, ebenfalls im Siegerland, als der Kreuztaler Standort von ThyssenKrupp vor der Schließung stand. Damals bewirkten Demos und Proteste das dort zumindest vorerst nicht geschlossen wurde und somit ca. 600 Arbeitsplätze gerettet werden konnten. Die Kollegen und Beschäftigte von DEW haben angekündigt für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Dass die ganze Region hinter ihrem Stahlwerk steht, erhöht den Druck auf die Verantwortlichen. Siegen-Geisweid wird sich nicht so leicht geschlagen geben.




