Die neue Statistik des Frauenhauskoordinierung e. V. für das Jahr 2025 zeichnet ein erschütterndes Bild: Gewalt gegen Frauen ist in Deutschland alltägliche Realität. Bundesweit fanden 2025 hochgerechnet rund 13.440 Frauen sowie 15.280 Kinder und Jugendliche Schutz in einem Frauenhaus. Gleichzeitig fehlen weiterhin etwa 12.000 Frauenhausplätze. Der Bedarf ist seit Jahren bekannt, doch statt den Gewaltschutz konsequent auszubauen, plant die Bundesregierung milliardenschwere Kürzungen im Sozialbereich. Die Zahlen des Berichts und die aktuelle Haushaltspolitik könnten widersprüchlicher kaum sein.
Schutz ist Mangelware und wird zum Glücksspiel
Einen Platz im Frauenhaus zu bekommen, gleicht für viele Frauen einem grausamen Glücksspiel. Oft müssen sie zahlreiche Einrichtungen kontaktieren, bevor sie endlich in Sicherheit sind. Andere werden trotz akuter Gefahr gemeinsam mit ihren Kindern wegen fehlender Kapazitäten abgewiesen. Besonders deutlich wird dabei: Frauen fliehen selten allein. 61 Prozent der Frauen lebten 2025 gemeinsam mit ihren Kindern im Frauenhaus.
Doch wer Schutz will, muss zahlen. Fast jede vierte Frau musste 2025 ihren Aufenthalt im Frauenhaus teilweise oder vollständig selbst finanzieren. Je nach Region liegen die Kosten zwischen 10 und 100 Euro pro Tag und Person. Für eine Mutter, die mit ihren Kindern vor einem gewalttätigen Partner flieht, ist das eine existenzielle Frage.
Der Bericht zeigt außerdem, dass Gewalt nicht mit dem Verlassen des Täters endet, sondern langfristige soziale und finanzielle Folgen hat. Während vor dem Aufenthalt im Frauenhaus 38 Prozent der Frauen Leistungen nach dem SGB II (Bürgergeld) bezogen, sind es danach bereits 62 Prozent. Gleichzeitig sinkt der Anteil der erwerbstätigen Frauen von 23 auf nur noch 15 Prozent.
Und auch danach bricht das System vielfach weg: Weil bezahlbarer Wohnraum fehlt, gelingt nur jeder vierten Frau der Sprung in eine neue Wohnung, 14 Prozent kehren direkt in die Gewaltsituation zurück, weil sie sich Schutz und Neustart schlicht nicht leisten können. Gleichzeitig werden in der Bundesregierung Pläne für Kürzungen beim Wohngeld diskutiert.
Sparpolitik statt Gewaltschutz
Diese Zahlen des Berichts der Frauenhauskoordinierung e. V. stehen in deutlichem Widerspruch zu den aktuellen politischen Prioritäten der Bundesregierung. Ein geheimes Arbeitspapier enthüllte über 70 Kürzungsvorschläge bei Kindern, Jugendliche und Menschen mit Behinderung im Umfang von mindestens neun Milliarden Euro. Passend dazu kündigte Familienministerin Karin Prien unmittelbar vor der parlamentarischen Sommerpause drastische Einschnitte beim Unterhaltsvorschuss an: Der Anspruch soll ab dem 16. Lebensjahr entfallen und das Kindergeld weiterhin voll angerechnet werden, obwohl der Koalitionsvertrag hier eine Verbesserung vorsah. Diese Kürzungen treffen ausgerechnet die Familien, die die Frauenhausstatistik als besonders schutzbedürftig identifiziert.
Wenn zwei Drittel der Frauen mit Kindern in Frauenhäuser fliehen und viele nach ihrem Aufenthalt auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, bedeutet jeder Abbau sozialer Leistungen eine zusätzliche Belastung. Gewaltbetroffene Frauen brauchen finanzielle Stabilität, um sich dauerhaft aus gewaltvollen Beziehungen lösen zu können. Werden Unterstützungsleistungen gekürzt, steigt das Risiko, dass finanzielle Abhängigkeit zum Hindernis für ein selbstbestimmtes Leben wird.
Sparen am Überleben
Der Frauenhausbericht ist deshalb weit mehr als eine Statistik über belegte Plätze. Er dokumentiert die Folgen von Gewalt an Frauen und macht deutlich: Gewaltschutz kann ohne soziale Absicherung nicht funktionieren. Frauen, die Gewalt erfahren, brauchen sichere Unterkünfte, finanzielle Unabhängigkeit und verlässliche Unterstützung für sich und ihre Kinder.
Stattdessen setzt die Bundesregierung auf eine Haushaltspolitik, die Milliarden für Aufrüstung mobilisiert, gleichzeitig aber bei Familien, Alleinerziehenden und sozialer Infrastruktur spart. Mit Kürzungen beim Elterngeld, beim Unterhaltsvorschuss, Einsparungen im Gesundheitsbereich und weiteren geplanten Sozialkürzungen droht dieser Haushalt, die Armut vieler Frauen weiter zu verschärfen.




